Unter Franzosen
Der Titel würde aussagekräftiger „Unter Mönchen“ lauten, denn das ist das Wesentliche, aber dies wäre ja nichts Neues.
Die Zeit von Dienstag Mittag bis Donnerstag Mittag habe ich spontan in Abu Gosh verbracht. Wir waren in dem Kloster schon in der ersten Woche, weil hier eine ehemalige Studienjahrlerin, Sr. Marie Madeleine aus dem Bistum Hildesheim, Benediktinerin ist. Mit ihr hatte ich gute Gespräche über Liturgie, Kirche und ihre Flügel und den Lebensweg des Christen an der Seite Gottes.
Der Ort Abu Gosh mit seinen 7000 Einwohnern ist arabisch, es gibt noch eine alte Kreuzfahrerkirche mit Resten von Freskenbemalung (vieles ist verloren, vor allem kratzten die Muslime alle Gesichter aus). Er nimmt für sich auch in Anspruch, das biblische Emmaus zu sein. Die Busfahrt (in einem Reisebus), immerhin 13 km, 15 Minuten, kostete umgerechnet 1,75 Euro – wo gibt es das in Deutschland? Um zur Busstation zu gelangen, musste ich mit der neu eröffneten Straßenbahn fahren – immer noch umsonst, da es die Fahrkartenautomaten nicht tun. Und als ich die Bushaltestelle nicht fand, half mir ein Ultraorthodoxer in quasi perfektem Englisch weiter. Nicht, dass ich meide, mit Ultraorthodoxen zu sprechen, aber es ergibt sich sonst nie die Gelegenheit, in ein wie auch immer geartetes Gespräch zu kommen.
In dem Kloster an der Kirche leben eine männliche und eine weibliche Benediktiner-Gemeinschaft in getrennten Klöstern. Sie sind mit den Brüdern der Dormitio freundschaftlich verbunden uns sind beide französischsprachig. Laudes, Vesper und Messe feiern sie zusammen in der Kirche. Sie wollen durch ihre Präsenz einen Beitrag zur Versöhnung in diesem Dorf und diesem Land leisten. Die Anlage gleicht einer Oase, da in der Krypta der Kirche eine Quelle zu finden ist.
Auch wenn es nur zwei Tage waren, so gibt es doch viel zu berichten:
Ich hatte ein kleines Zimmer im Gästehaus der Schwestern, wie ich es mir immer wünsche – sparsam, übersichtlich, ohne Internetanschluss (ich stellte hier allerdings fest, dass nicht jede Steckdose mit deutschen Steckern kompatibel ist). Dementsprechend intensiv kam ich zum Arbeiten und Schlafen, beides tat richtig gut. Das Frühstück nahm ich mit einem französischen Herz-Jesu-Missionar, der in Südafrika arbeitet und hier ebenfalls zu Besuch war, in der sog. Hotellerie des Männerklosters ein. An die Küche schließt sich eine herrliche Dachterrasse mit Ausblick über das Tal an. Zum Mittag- und Abendessen war ich bei den (in weißen, nicht in schwarzen Habit gekleideten) Brüdern (und Chuppi, dem Bernhardiner). Man sitzt sich an zwei langen Tafeln auf Hockern gegenüber. Vorne sitzt der Abt, der sich auch zuerst nehmen darf, dann geht es nach Ordensalter weiter. Mich nahmen sie zwischen einen jungen Bruder und einen Postulanten (einer, der bald offiziell Novize werden möchte), wahrscheinlich, damit ich zwei Leute habe, bei denen ich abgucken kann, was zu tun ist, da ich natürlich unsicher war. „Selbstverständlich“ wurde während des Essens nicht gesprochen, mittags gab es eine Tischlesung (von der ich natürlich herzlich wenig verstand), abends nach einem kurzen Impuls sanfte Musik. Am Mittwoch wurde mittags gegrillt (das kommt nur 2 Mal im Jahr vor!) und abends in offenem Rahmen draußen gegessen, da am 14. September das Fest Kreuzerhöhung gefeiert wird, aber dazu später. Bei diesen beiden Mahlzeiten kam ich mit den Brüdern ins Gespräch (Französisch zu lernen lohnt sich also doch). Es überraschte sie, dass man in Deutschland Theologie studiert, ohne Priester werden zu wollen. Wie es in Klöstern wohl üblich ist, gab es Wein dazu (vor 3 Wochen von den eigenen Reben gekeltert!). Beim „Picknick“ abends gab es auch Bier, welches ich zielstrebig ergriff. Kommentar: „Ahja, die Deutschen! ;-)“ Den Kulturunterschied zwischen Deutschland und Frankreich merkte ich auch, als ich um 20.30 Uhr die Komplet mitbeten wollte: 20.25 Uhr - Kein Mensch in der Krypta, ich warte davor, Fledermäuse schwirren über meinen Kopf. 20.29 Uhr – immer noch keiner da, wie soll da die Komplet um 20.30 Uhr beginnen können? Ich gehe. Später erfahre ich, dass die Brüder so um 20.32 Uhr kamen. Deutsche Pünktlichkeit (in der Dormitio fangen die Gebete mit dem Schlag der Turmuhr an, die es hier aber nicht gibt) gegen Einflüsse des französischen „laissez-faire“...
Tagsüber (es war 9 Uhr, aber da war ich schon 4h wach) kamen jüdische Wehrdienstleistende und bekamen eine Einführung in das Christentum (die Armee macht generell viele Ausflüge). Es war schon komisch, dass ich 10m weiter gerade über die fehlende historische Grundlage der Erzählung der Posaunen und Einnahme von Jericho (Jos 6), immerhin einem jüdischen identitätsstiftenden Ereignis, schrieb.
Das Bemerkenswerteste aber ist die Liturgie, wie sie hier gepflegt wird:
Die Ordensleute (um auch beide Geschlechter einzuschließen) hier leben kontemplativer als die Brüder in der Dormitio: Ihre Arbeit besteht in handwerklicher Arbeit in Garten, Schneiderei, Kerzenwerkstatt etc., Kontakt mit der Außenwelt haben sie in der Regel nur durch Gäste. Sie bleiben viel unter sich.
Die Gebetszeiten sind wie folgt: 5.30 Uhr Matutin (der Muezzin der direkt nebenanliegenden Moschee weckt auch mit Sicherheit jeden um 5 Uhr; er ruft auch in die Tischlesung hinein), 7 Uhr Laudes, 11.30 Uhr Messe, 13.30 Uhr Non, 17 Uhr Vesper, 20.30 Uhr Komplet. Zu ihnen ruft, wie auch zum Essen, die von Hand geläutete Glocke. Die Psalmen, das Herzstück jeder Tagzeitenhore, werden im Wechsel der Seiten gebetet und nicht im Wechsel Vorsänger-Alle. Die gregorianische Singweise der Psalmen hier unterscheidet sich von der in der Dormitio, sie ist noch ein bisschen feierlicher. Insgesamt braucht man hier 4 Bücher, um die einzelnen Teile jeder Hore zusammenzustellen. Die Horen dauern auch oft zwischen 40 und 50 Minuten, sodass ich am Mittwoch mehr als dreieinhalb Stunden in der Liturgie war. Die Länge hält hier aber niemanden von irgendwas ab, denn die Nonnen und Mönche haben, wie gesagt, auch sehr viel Zeit dafür, da sie sich ganz der Arbeit und dem Gebet widmen. Allein der Einzug der mit einem fast bis zum Boden reichenden weißen Schleier bedeckten Nonnen und der Mönche (der Abt mit schönem Chormantel) dauert 5 Minuten. Zwischendurch gibt es viele Momente der Stille. Ich hatte, wie schon angemerkt, das Glück, über das Fest Kreuzerhöhung dort zu sein. Es erinnert an den Weihetag der Grabeskirche (hinzugedichtet wurde die Kreuzauffindung durch die hl. Helena, Mutter des Kaisers Konstantin) und ist bewusst in die Nähe der jüdischen Feiertage, die in zwei Wochen folgen, gelegt. Da wir hier in der gleichen Diözese wie die Grabeskirche sind, wird das Fest als Hochfest begangen, d.h. fast wie Fronleichnam und dergleichen. Dementsprechend feierlich war die Liturgie, am Ende der Vesper verehrte jeder auch noch eine Kreuzreliquie, die den Tag über auf dem Altar gestanden hatte. An Tagen, die keine Hochfeste sind, ist die Messe nicht ganz so aufwändig.
Die Matutin betete ich bei den Schwestern in ihrer Kapelle mit. Sie ist in Form eines Jerusalem-Kreuzes gebaut und nach Jerusalem, also nach Osten gerichtet, wo die Sonne währenddessen aufging. Beim Invitatorium (das ist der Psalm, mit dem jeder Tag eröffnet wird, Ps 95) heißt es an einer Stelle: „Kommt, lasst uns niederfallen, uns vor ihm verneigen, lasst uns niederknien vor der Herrn, unserm Schöpfer!“ Hier fielen die Schwestern auf die Knie und verharrten in Stille. Vorher war mir die Bedeutung, dass jeder Mensch hier Gott al seinen eigenen Schöpfer anredete, nie so bewusst geworden. Nach der Matutin, bis zur Laudes, herrschte eine wunderbare Stille inmitten der erwachenden Natur. Es war wie im Film „Die große Stille“ über ein Kartäuserkloster (Kartäuser reden nie, außer in der Liturgie). In Laudes und Vesper erhob sich kurz vor dem Ende immer eine beeindruckende Klangwolke aus den Mündern der Benediktiner. Ich konnte es zuerst keinem bekannten Teil der Liturgie zuordnen. Sr. Marie Madeleine erklärte mir, dass dies wirklich das „Brausen“ des Heiligen Geistes darstellen soll, denn während dieser Zeit kann jeder um das bitten, was er auf seinem Herzen hat – Röm 8,26: „Denn wir wissen nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen; der Geist selber tritt jedoch für uns ein mit Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können.“ liegt dem zugrunde.
Die Liturgie der Messe war reich gestaltet, mit vielen und langen gregorianischen Gesängen auf Latein. Ich durfte bei der Gabenbereitung in der bedächtigen Gabenprozession mitgehen. Zur Eucharistiefeier gingen alle Mitfeiernden hoch zum Altar und standen so in einem etwas geschlossenen Halbkreis um den Altar herum – hier wurde das Wort „circumstantes“ aus dem römischen Messkanon greifbar, ohne dass man Wir-haben-uns-alle-lieb-Kreise um den Altar herum bildete, denn man stand so gestaffelt, das jeder ausschließlich auf den Altar hin ausgerichtet war und sonst nichts in seiner Blickrichtung lag. Das Vater Unser wurde von denen, die es können, auf Hebräisch gebetet.
Die Komplet sangen die Schwestern auswendig.
Es war beruhigend, zu sehen, dass auch die eine oder andere Schwester ihre Müdigkeit um 5.30 Uhr und bei der Komplet nicht verbergen konnte.
Mir fiel einmal mehr auf, dass Latein als verbindende und in allen Teilen verwendete Liturgiesprache die aktive Mitfeier aller Gläubigen in jeder Messe fördern könnte, auch wenn ich der französischsprachigen Gemeinschaft natürlich nicht auf einmal ihr Französisch in den Gebeten ausreden will. Andererseits erlebt man hier, dass die Liturgieordnung doch so verlässlich ist, dass man auch, wenn man nicht jedes Wort versteht, stets weiß, welcher Teil der Messe gerade gefeiert wird und für sich auf Deutsch oder Latein mitbeten kann.
Freundlicherweise stellte die Gastschwester mir als Student frei, ob ich etwas bezahlen möchte.
Ich werde die Benediktiner(innen) zur Abtsbenediktion hier in der Abtei am 2. Oktober wiedersehen, außerdem bin ich zur ewigen Profess eines Bruders dort an Allerheiligen eingeladen.
Wie alles hier, waren auch diese zwei Tage eine neue und bereichernde Erfahrung, für die ich sehr dankbar bin.
Ich weiß, dass ich hier viele (aber noch lange nicht alle) Details erwähnt habe, aber sie scheinen mir alle sinnvoll, um das Leben hier zu porträtieren. Wenn jemand etwas nicht verstanden hat oder etwas genauer wissen möchte, kann er gerne nachfragen!
In der zweiten Nacht hatte ich das Glück, das Blühen der Königin der Nacht mitzuerleben: Die großen Kakteen hier haben einige Triebe. Von Zeit zu Zeit entwickelt sich eine Blüte, die dann für genau eine Nacht blüht und dann vergeht.