Sozialpraktikum in Emmaus-Qubeibe
Davon habe ich aufgrund der politischen Lage noch nicht berichtet, möchte es Euch aber auf keinen Fall vorenthalten:
„Vornehmste Aufgabe der Mönche ist der demütig-hohe Dienst vor der göttlichen Majestät innerhalb des klösterlichen Bereichs, ob sie sich nun in Verborgenheit ganz der Gottesverehrung weihen oder nach ihrer Satzung eine apostolische oder caritative Arbeit übernommen haben.“
Ich habe im Rahmen des Theologischen Studienjahres an zwei Wochenenden ein Sozialpraktikum in einer Behinderteneinrichtung in den besetzten Gebieten geleistet. Es handelt sich dabei um das „Beit Emmaus“ in Emmaus-Qubeibe, das in Trägerschaft des Deutschen Vereins vom Heiligen Lande (DVHL) ist und von Salvatorianerinnen geleitet wird. Diese Einrichtung soll exemplarisch für das Bemühen, Gottes Willen auf Erden durch aktive Arbeit zu erfüllen, vorgestellt und analysiert werden.
Um das Entscheidende der apostolischen Gesellschaften, die in der Neuzeit gegründet wurden, darzustellen, sei hier zunächst mit den Worten des Ordensgründers der Salvatorianer, P. Franziskus Maria vom Kreuze, exemplarisch etwas zur Zielsetzung des Ordens gesagt:
„Geliebteste, lehrt alle Völker, besonders die Kinder, damit sie den wahren Gott erkennen und den er gesandt hat, Jesus Christus. [...] Verkündet das Wort Gottes, tretet mit Eifer dafür ein, gelegen oder ungelegen, weist zurecht, tadelt, beschwört, in aller Geduld und Klugheit.“
„Durch Beispiel, Wort und Schrift, auf jede Weise und mit allen Mitteln, welche die Liebe Christi eingibt, sollen die Mitglieder mit Eifer und Weisheit im Herrn danach trachten, Gott den Vater und seinen Sohn Jesus Christus und den Heiligen Geist allen und überall zu verkünden und zu verherrlichen, und so unsterbliche Seelen zu retten.“
„Ein wichtiges Element in den Gründungen Jordans war sein ausdrücklicher Hinweis auf die Universalität. Inspiriert durch Joh 17,3 brachte er immer wieder zum Ausdruck, dass der Glaube an den Herrn und Heiland, der gekommen ist, um alle Menschen zu retten und allen Leben und Heil in Fülle zu bringen, der zentrale Punkt salvatorianischen Lebens ist. Dieser Glaube an einen heilenden und menschenfreundlichen Gott prägt nach wie vor Salvatorianer. Es drängt zu Universalität zu »Maßlosigkeit« im Lieben, Lehren und Begleiten von Menschen, deren Leben nach Sinn fragt. Das Wertschätzen aller Menschen, aller Kulturen und Rassen, aller Stände und Berufsgruppen ist eine der Herausforderungen, die Jordan unabdingbar und unwiderruflich für seine Gemeinschaften festlegt: "Ich kann nicht müde werden, die Güte und Menschenfreundlichkeit des Heilandes unablässig zu empfehlen, und immer wieder zu betonen, dass diese Worte für uns ein Programm bedeuten. Das ist der Geist der Gesellschaft, der Geist des Heilandes."“ Sozialpraktikum in Diesen Ordensgemeinschaften geht es also darum, den Glauben in die Welt zu tragen und den Herrn im Menschen zu suchen sowie den Glauben durch Aktivitäten im Namen des Herrn zu bezeugen. Dies steht offensichtlich in Spannung zu dem Ansatz, den monastische Orden verfolgen.
Ähnliches gilt auch für den DVHL, der ein „Hilfswerk für die Christen im Nahen Osten“ ist, „Verständigung und Versöhnung der Religionen fördern und die notleidenden Menschen unterstützen“ möchte und der „in Zusammenarbeit mit Ordensgemeinschaften soziale und pastorale Aufgaben“ wahrnimmt.
In Emmaus-Qubeibe betreuen 6 Salvatorianerinnen gemeinsam mit 6 arabischen Pflegerinnen und ca. 9 Volontären 24 arabische alte und/oder behinderte Frauen. Behinderteneinrichtungen kennt der westliche Mensch zu Genüge als etwas Normales, im Westjordanland sind aber große Schwierigkeiten im Umgang mit behinderten Menschen zu bemerken, denen sich die Mitarbeiterinnen ausgesetzt sehen:
1. In der palästinensischen Gesellschaft wird, wie in vielen Gesellschaften der nicht-westlichen Welt, Behinderten, zumal weiblichen, kein Eigenwert zugestanden. Einige Patientinnen wurden als kleine Kinder von ihren eigenen Familien in Höhlen oder Hühnerställe gesperrt, blieben unterversorgt und in der Folge unterentwickelt und bedürfen deswegen noch mehr Betreuung als ohnehin. Einige Familien kümmern sich auch nicht um ihre Töchter, wenn diese in das Betreuungsheim kommen.
Gegen diese Haltung gilt es anzukämpfen und auch, ihr zu trotzen und weiterzumachen.
2. Der finanzielle Unterhalt der Institution ist aufgrund der gesellschaftlichen Marginalisierung ebenfalls unsicher. Eine staatliche Wohlfahrt existiert im Westjordanland nur in minimalem Umfang, die Familien, die so etwas wie ein „Pflegegeld“ für behinderte oder alte Familienmitglieder bekommen, unterschlagen es teilweise, sodass das Beit Emmaus auf Grund und Boden des DVHL und für den laufenden Betrieb zum großen Teil auf Spenden angewiesen ist.
3. Der Nahostkonflikt, der später noch thematisiert wird, lässt auch das caritative Wirken im Westjordanland nicht unberührt. Offiziell ist solche Arbeit in den besetzten Gebieten nicht erlaubt, weswegen Schwestern und Volontäre offiziell in Jerusalem gemeldet sein müssen. Auch die Anfahrt und Versorgung ist durch die Sperrmauer komplizierter geworden.
4. Mangelnde finanzielle Mittel erlauben, wie auch in den meisten deutschen Betreuungseinrichtungen, keine persönliche Betreuung der Patientinnen, sondern lediglich deren Pflege. Das hat zur Folge, dass die Patientinnen aufgrund ihrer Einschränkungen einige Zeit des Tages bloß im Aufenthaltsraum sitzen oder in ihrem Bett liegen und auf sich selbst gestellt sind. Den Kontakt, den sie mit den engagierten Pflegerinnen haben, ist darauf beschränkt, gewickelt, gewaschen und umpositioniert zu werden. Die große Gefahr, die der Autor bei einer solchen Institutionalisierung und Professionalisierung der Pflege, wie sie vor allem in Deutschland anzutreffen ist, sieht, liegt darin, dass die Patientinnen mehr als Objekt denn als Subjekt empfunden werden und diese sich dann selbst ebenso empfinden. Hier lohnt eine genauere Betrachtung: Christliche Pflege muss immer sehen, dass jeder Patient eine Person ist und bleibt. Deshalb ist auch jede pflegerische Handlung weniger als Handlung an, sondern Handlung mit dem Patienten zu sehen. Wenn jemand z.B. geduscht wird, ist der Pfleger der dem duschenden Patienten Hilfe Gebende, nicht der Duschende. Verbalisierung der Handgriffe, die der Pfleger tut, können dabei helfen. Und auch blinden Rollstuhlfahrern muss das Recht auf Bestimmung, wo sie hingeschoben werden, gewährt werden oder man muss ihnen sagen, wo sie weshalb hingeschoben werden.
Trotz all der erwähnten Schwierigkeiten und Widrigkeiten halten die Salvatorianerinnen im Beit Emmaus daran fest, den pflegebedürftigen Frauen nach Leibeskräften und in nicht komfortablem Leben ihre Hilfe und Fürsorge zuteilwerden zu lassen und sie zu unterstützen, ein erfülltes Leben zu führen.
Was darüber hinaus noch Sinn der Caritas und apostolische Mission sein sollte und was ich selbst als zusätzliche Kraft in den Arbeitsabläufen im Beit Emmaus sein durfte, ist Dasein für die Patientinnen. Seien es einfache Gespräche, Spiele oder Spaziergänge, sei es dem Anderen seelsorglich Gehör schenken, sei es ein Lächeln, ein Winken im Vorbeigehen – auch dies trägt dazu bei, Menschen, gerade hilfebedürftige, Freude zu machen und das Leben zu verschönern, denn das ist in dieser Ausprägung christlichen Lebens nach dem Willen Gottes das Ziel allen Strebens. Und die Dankbarkeit der Patientinnen ist gewiss.
Aber, so kann man fragen, inwiefern kann die pflegerische Arbeit mit eingeschränkten Personen, die meisten davon muslimischen Bekenntnisses, missionarisch sein, wodurch verbreitet sich hier der christliche Glaube, wie wird gepredigt?
Erstens ist das persönliche gelebte Zeugnis des Sich-Senden-Lassens in ein fernes Land Bekenntnis und Nachahmung zum christlichen Glauben. Die Ganzhingabe an Gott im Dienst an dem Nächsten ist Ausdruck einer innigen Christusbeziehung und der Geborgenheit im Willen Gottes (Vgl. auch Papst Benedikt XVI, Deus carias est, Nr. 31c): „Außerdem darf praktizierte Nächstenliebe nicht Mittel für das sein, was man heute als Proselytismus bezeichnet. Die Liebe ist umsonst; sie wird nicht getan, um damit andere Ziele zu erreichen.[30] Das bedeutet aber nicht, daß das karitative Wirken sozusagen Gott und Christus beiseite lassen müßte. Es ist ja immer der ganze Mensch im Spiel. Oft ist gerade die Abwesenheit Gottes der tiefste Grund des Leidens. Wer im Namen der Kirche karitativ wirkt, wird niemals dem anderen den Glauben der Kirche aufzudrängen versuchen. Er weiß, daß die Liebe in ihrer Reinheit und Absichtslosigkeit das beste Zeugnis für den Gott ist, dem wir glauben und der uns zur Liebe treibt.“)
Zweitens ist Mission hier als Aufbau des Reiches Gottes zu verstehen. Durch die Nächstenliebe wird die Liebe Christi in und vor der Welt sichtbar und trägt so dazu bei, schon hier die Erfüllung der Verheißungen im Kleinen vorwegzunehmen8, so gut es eben möglich ist. Das eschatologische universale Offenbarwerden der Liebe, die Gott selbst ist, wird hier antizipiert.
Die Anfahrt war wegen der Sperrmauer etwas umständlich, Umsteigen in Ramallah abenteuerlich, aber ich habe es geschafft.
Ich habe Freude an meinem Dienst dort gehabt (bereits als Zivi war ich in einer Förderschule eingesetzt) und zu einigen Patientinnen auch engere Bindung aufbauen können: Eine älter Dame, blind, ehemalige Englisch-Lehrerin, genoss es, sich von mir aus dem Johannes-Evangelium vorlesen zu lassen (Kap.12-21, mit vielen Trost-Worten), eine 31jährige, die weder reden noch laufen kann, da sie im Alter von 2 Jahren in eine Höhle gesperrt wurde, freute sich immer, wen sie mich sah und ich mit ihr kommunizierte, z.B. durch Trommeln. Das Haus wird definitiv auf der Agenda stehen, wenn ich einmal zurückfliege.