Jericho und Patriarchenbesuche
Nun war ich auch an einem Werktag in Mea Shearim, dem ultraorthodoxen Viertel. Die Geschäfte von und für Ultraorthodoxe hatten offen, neben vielen speziellen Läden gab es auch ganz „normale“ Läden. Die Straße war belebt, aber es war ruhig, ruhiger als in anderen derartigen Straßen.
Am Montag Abend, dem 5.12., feierten wir mit den Mönchen, Angestellten und Volontären Nikolaus, er kam auch selbst vorbei und brachte neben der Bewertung eines jeden Einzelnen einige Überraschungen mit. Auch die typischen Adventslieder und –plätzchen durften nicht fehlen.
Am Dienstag ging es dann nach Jericho: 1050 Höhenmeter, bis 250 u.N.N, ging es bergab, natürlich war es dann in Jericho auch wärmer als in Jerusalem. Zuerst besuchten wir den Ort der ersten Versuchung Jesu. Ein griechisch-orthodoxes Kloster, in dem uns ein überraschend freundlicher Mönch empfing, ist hier an den Felsen gebaut und beherbergt in der Kapelle den Stein, auf dem Jesus gesessen haben soll. Über den Tell, auf dem sich das alttestamentliche Jericho, führte ich selbst. Jericho ist die älteste bekannte Stadt der Welt, hier gibt es z.B. einen erhaltenen Turm, der ca. 10000 Jahre alt ist. Die legendären Posaunen von Jericho und die Mauer, die sie zu Fall gebracht haben sollen (Jos 6) sind hier aber nicht nachzuweisen. Mittagessen kauften wir in einer Bude, in der eine Falafel schlappe 3 Shekel (0,60 Euro) kostet... Danach ging es zum Omayyaden-Palast, einen teilweise erhaltenen Palast in der Wüste eines Kalifen. Zum Schluss besichtigten wir die Grundmauern der herodianischen Winterpaläste, die sich zu beiden Seiten eines Wadis erstrecken. Hier leben heute Beduinen in Zelten, die Ziegen hüten und Auberginen anpflanzen. Alle 4 Stätten liegen in und bei dem heutigen Jericho.
Am Mittwoch Morgen empfing uns Seine Seligkeit Theophilus III., Patriarch von Jerusalem (griechisch-orthodox, Nr. 4 der orthodoxen Welt) in seinem Thronsaal, wir nahmen auf rot gepolsterten Stühlen Platz und bekamen Whiskey gereicht. Er drückte seine Freude darüber aus, dass junge Menschen heute noch Theologie studieren und empfahl uns Johannes Chrysostomos zu lesen, da er sowohl Theologe als auch Seelsorger war. Bezüglich der Ökumene stellte er die Frage, was gewonnen sie und sich ändern würde, wenn wir vereint wären – die vielen anderen Probleme wären doch nicht gelöst. Sein Sekretär, ein Erzbischof, führte uns danach noch Gebäude und Kirche des Patriarchats und auf das Dach der Grabeskirche, welches in ihrer Hand ist und verwöhnte uns mit allerlei Süßigkeiten. Ein großartiger, einzigartiger Besuch!
Nachmittags bekam ich Besuch von einem Studenten der Hebrew University, der eine Seminararbeit über den Einfluss der ´68er auf die heutige Generation schreibt und sich für unsere Erfahrungen und Ansichten interessiert.
Am Dienstag dieser Woche war geplant, mit einem Archäologen die Anlagen unter dem Tempelberg (Moscheen großteils) zu besichtigen. Da der Tempelberg aber für 3 Tage aus politischen Gründen nicht zugänglich war, wichen wir auf eine andere Stelle aus: 1999 wurde ein Notausgang zu einer der unterirdischen Moscheen gebaut. Dabei wurde einiges an Material aus dem Tempelberg herausgegraben und im Kidrontal abgeladen. Der Archäologe nun untersucht den Schutt. Schulklassen, Studenten und viele Andere kommen stundenweise und helfen dabei, den Schutt vom Schmutz reinzuwaschen und archäologisch relevante Gegenstände herauszusuchen. Wir bekamen einen Einblick in diese Arbeit und auch in die Geschichte des Tempelberges vom kanaanitischen Heiligtum, über die zwei jüdischen Tempel, christlichen Stätten und muslimischen Heiligtümern. Die Juden veroten hier den Stein, der als erstes geschaffen wurde, Mohammad betete zuerst Richtung Tempelberg, weil er auch für ihn heilig war. Nachmittags besuchten wir die melkitische Kirche (die Kirche der Araber des griechisch-katholischen Ritus) und erfuhren viel über den Aufbau von Kirchen des byzantinischen Ritus.
Am Mittwoch dann besuchten wir zu sechst die Hurva-Synagoge, eine große, prächtige ultra-orthodoxe Synagoge im jüdischen Viertel, die 2008 zum dritten Mal aufgebaut wurde. Nachmittags ging es zu den armenisch-orthodoxen, die hinter Mauern ihr eigenes Viertel in der Altstadt haben. Sie sind seit fast 2000 Jahren hier ansässig, ein großer Zustrom (und rege Bautätigkeit) erfolgte bei der Flucht vor den Türken 1915. Nach der Vesper in der Jakobi-Kathedrale mit ihren 400 Öllaternen (hier liegen der Kopf von Jakobus dem Apostel und der Körper von Jakobus, dem Herrenbruder, die Armenier unterhalten auch gute Kontakte nahc Santiago de Compostela, wo es auch eine Jakobus-Tradition gibt), führte uns ein Diakon durch die Anlagen und auch durch die Geschichte, Liturgie und Sprache der Armenier. Wir sahen kunstvoll, auf Tuffstein gehauene Kreuz und auch das Seminar, in dem Jungen ab 14 Jahren für teilweise 10 Jahre studieren (alle 4 Jahre bekommen sie Urlaub).
Wer dachte, die Deutsche Post sei langsam, der sollte mal in die israelischen Poststellen gehen...