Galiläa - Heimat Jesu

Veröffentlicht auf von yerushalayimshelzahav

Bevor wir nach Galiläa fuhren, ging ich mit einer Mitstipendiatin der Konrad-Adenauer-Stiftung zu einem Treffen von Altstipendiaten, die sich auf Initiative des Leiters des Auslandsbüros trafen. Bei gutem Essen und gutem Wein lernte ich interessante Leute aus Kirche und Diplomatie kennen, die von ihren Erfahrungen hier in Israel erzählten, besonders wie es sich als Christ in Israel lebt: Der Sonntag als Arbeitstag, Religionsunterricht, kein öffentliches Weihnachten und Silvester...

Am Montag, dem 7.11., brachen wir auf. Der Start war typisch israelisch: Der falsche, zu kleine Bus kam, als wir im Depot in den größeren wechselten, hatte dieser Probleme mit der Batterie. Der öffentliche Dienst streikte bis 10 Uhr, sodass wir warten mussten, bis wir in den Nationalpark von Bet Shean hineingehen konnten. Dann mussten wir noch eine Bimmelbahnfahrt zahlen, die wir nicht in Anspruch genommen hatten, die aber zum Eintritt dazugehört. Glücklicherweise kannte Prof. Zangenberg, der uns in der ersten Woche begleitete, von seiner Ausgrabungstätigkeit her die richtigen Leute, die er per Handy kontaktierte und die ihren Einfluss für uns geltend machten. Bet Shean (Skythopolis) war eine große Stadt in römisch-hellenistischer Zeit, mit Amphitheater, Badeanlagen und einem Theater, in dem wir bei einem kurzen selbst aufgeführten Theaterstück die tolle Akustik erlebten. Auf dem Tell hinter der Stadt sind Bebauungsreste bis 4000 v. Chr. zu sehen. Ein Tell ist ein Hügel, der sich im Laufe von Jahrhunderten und –tausenden durch Schuttschichten von übereinander gebauten Siedlungen gebildet hat.

Wir wohnten in Tabgha. Hier hat die Dormitio ein Priorat, d.h. eine „Zweigstelle“ an der Brotvermehrungskirche, die Pilgerbusse kommen im Minutentakt.. Sie wurde 1980 auf den Fundamenten einer byantinischen Kirche gebaut, der Fußboden ist teilweise noch mit den alten Mosaiken verziert. Wir wohnten im Selbstversorgerhaus, kochten also abwechselnd, schliefen in 4-5er-Zimmern – ein bisschen Klassenfahrt. Wie überall liefen auch hier Katzen herum, mit einer führten wir einen Kleinkreig, weil sie bei jeder Gelegenheit ins haus lief, außerdem Hunde, einer hieß Frau Reuter – wer die Serie „Um Himmels Willen“ kennt, weiß, dass die Oberin Frau Dr. Dr. Reuter heißt und der Hund „Herr Hund“... Vor der Tür lag ein Pool (baden im November!), der von einer hier liegenden Quelle gespeist wird. Das Wasser fließt dann weiter zum See, der auch direkt an das Gelände grenzt. Abends hatten wir hier am See in Dalmanutha (hier ist Jesus nach der Brotvermehrung hingefahren) an einem Altar immer eine Andacht mit den Bibelstellen, die zum folgenden Tag passten. Jesu Gang auf dem Wasser – mit Blick auf den See – faszinierend. Der See ist wirklich schön, ringsum sind Berge. Hier kann man stundenlang sitzen und aufs Wasser hinausschauen, zur Ruhe kommen und sich geistlichen Gedanken hingeben. Man kann sich vorstellen, wie damals hier Fischer- und Handelsboote kreuzten und der Wind kam. Generell ist die Vorstellung, dass die Landschaft vor 2000 Jahren die gleiche war, berührend. Orte ändern sich, Berge und See nicht. Hier hat Jesus gewirkt, wir sehen heute dieÜberreste der Dörfer von damals, wissen, wie Galiläa geprägt war. Hier wuchs er auf, verkündete er das Reich Gottes, Jerusalem hingegen ist voller Spannung.Galiläa ist etwas grüner und fruchtbarer als Juda, die Region um und südlich von Jerusalem.

Die einzelnen Stationen unserer Touren (jeden Tag von 8-17 Uhr meistens, jeden Mittag gab es Pita mit Thunfisch) durch Ausgrabungen kann ich nur kurz beschreiben, es waren mehr als 20.

Tiberias: Die erste Stadt, die wir uns anschauten, die direkt am See Genezareth, der auch See von Tiberias genannt wird, gelegen ist.  Ein teilweise erhaltenes Theater und ein Tor mit Fundamenten von Rundtürmen.

Dienstag Morgen: Erwartungsgemäß ist die Batterie vom Bus immer noch leer. Ein anderer Bus vom Unternehmen, der gerade mit Touristen an Bord in der Nähe ist, sammelt uns wie Schiffbrüchige auf und nimmt uns mit nach Magdala, der Heimatstadt von Maria Magdalena. Hier bekommen wir auf dem franziskanischen Teil die neuesten Entdeckungen präsentiert (Magdala war viel größer als bisher angenommen!). Auf dem anderen Teil bauen die Legionäre Christi ein Hotel, graben aber im Zuge der Arbeiten auch aus. Wir erleben „Ausgrabung live“, unsere Führerin erklärt uns, dass in der freigelegten Synagoge auch Jesus gelehrt habe, weil er in allen Synagogen Galiläas gelehrt habe.

Hippos: Eine Stadt auf einem Bergrücken, der wie ein Pferdekopf aussieht (daher der Name), direkt am und über dem See. Viele Häuser, Klöster, Kirchen, Foren ausgegraben, der Sonnenuntergang war einmalig. Auf dem Berg jenseits des Tales neben Hippos saßen bis 1967 die Syrer, das Tal ist noch vermint, ein Unterstand von Soldaten ist zu sehen.

Omrit: Hinter einem Drusenheiligtum besichtigen wir die Überreste eines Tempels mitten auf dem Berg in der Landschaft. Im Laufe der Zeit wurden hier drei Tempel gebaut, woebi die Vorgängertempel jeweils miteinbezogen wurden. Wir klettern selber im Tempel herum und vollziehen die Abschnitte der einzelnen Tempelgebäude nach. Von dem Berg aus sehen wir bis in libanesische Dörfer hinein, in denen die Hisbollah sitzt. Im Hintergrund hört man die israelische Artillerie üben.

Banias (Caesarea Philippi): Hier soll der Spruch aus Mt 16,18 („Du bist Petrus, der Fels, und auf diesen Felsen will ich meinen Kiche bauen.“) gefallen sein. Nach einer Wanderung entland eines Jordanquellflusses kommen wir zu einem riesigen Palast von Herodes Agrippa, dann zu einer Höhle, die ein paganes Heiligtum war.

Har Bental: Ein Berg auf dem Golan, hier hielten eingeschlossene israelische Soldaten mehrere Tage 1973 im Jom-Kippur-Krieg aus. Man sieht noch die Bunkeranlagen. Syrien ist nicht fern, an der Grenze sitzt die UN.

Dan: Wieder ein Dorf an einer Jordanquelle, ein Heiligtum aus dem 10. oder 8. Jahrhundert v. Chr. ist zu sehen, außerdem verschiedene Toranlagen (Tore waren ein sehr belebter Punkt in der Bonze- und Eisenzeit, also vor 4000-3000 Jahren). Ein 4000 Jahre altes Tor ist komplett erhalten. In Dan wurde eine Inschrift gefunden, auf der „Haus Davids“ und „Israel“ sowie zwei Könige erwähnt sind!

Hazor: Eine riesige Siedlung vor 3000 Jahre, die jetzt aber großteils unter landwirtschaftlich genutzter Fläche liegt. Viele verschiedene Siedlungsschichten sind hier zu finden. Was die einen König Salomo zuschreiben möchten, datieren andere erst später und bringen so den Mythos von Salomo ins Wanken. Zum Wasserbecken steigen wir 196 Stufen hinunter...

Bethsaida: Geburtsort von Aposteln, aber wahrscheinlich ist das als Bethsaida deklarierte Gebiet nicht Bethsaida.

Jesreel: Ein nicht ausgegrabener Palast aus dem 9. Jh. v. Chr. auf einem Hügel über der Jesreel-Ebene. Diese ist 60km lang und durchzieht Galiläa von Ost nach West. Wo heute Kibbuzim stehen, lebten bis 1920 Araber, ehe die Einwanderer das Land aufkauften.

Megiddo: Viele verschiedene Schichten durch die Jahrtausende. Vieles ist durch die Grabung von Schumacher in den 1920ern weggegraben und abgetragen. Hier singen neben uns evangelikale Thailänder, die mit jüdischen Symbolen und Fahnen Gottesdienst feiern, singen und Wein wandeln, indem sie ihn jeder für sich in Schnapsbechern gen Himmel halten.

Dor: Eine Hafenstadt, die deswegen sehr viel römischen und griechischen Einfluss hatte. Hier erlitt auch Napoleon eine Niederlage. Es ist Martinstag, und wir machen eine Badepause am Meer...

Nazareth: Eine arabische Stadt heute. Ein Bruder aus einer Gemeinschaft, die im Geist des seligen Charles de Foucaulds (ein Einsiedler in Nordafrika, eine Reliquie ist dort in der Kapelle, in der auch er gebetet hat= lebt, erzählt uns von dem Gründer und von seinem Mitleben hier mit den Arabern und gibt uns folgende eindrückliche Meditation über die Hingabe Jesu an den Vater mit auf den Weg:

 

Mein VATER,
ich überlasse mich Dir,
mach mit mir, was Dir gefällt.

Was du auch mit mir tun magst, ich danke Dir.
Zu allem bin ich bereit, alles nehme ich an.
Wenn nur Dein Wille sich an mir erfüllt
und an allen Deinen Geschöpfen,
so ersehne ich weiter nichts, mein Gott.
In Deine Hände lege ich meine Seele;
Ich gebe sie Dir, mein Gott,
mit der ganzen Liebe meines Herzens,

weil ich Dich liebe,
und weil diese Liebe mich treibt,
mich Dir hinzugeben,
mich in Deine Hände zu legen,
ohne Maß,
mit einem grenzenlosen Vertrauen;
denn Du bist mein VATER.

 

Die Verkündigungskirche von 1960 ist riesig, fast wie eine Halle, die Pfeiler erinnern an Pfeiler aus Fabriken im Ruhrpott. Die Grotten (das Haus Mariens) sind aber gut integriert und sie hat Atmosphäre. Jede Nation hat ein Marienmosaik o.Ä. gestiftet. In der Josephskirche auf der anderen Seite des Klosters wird an Jesu Ziehvater erinnert, nicht nur als sein Vater und Arbeiter, sondern auch sein Tod u.Ä. werden dargestellt. Auch die Orthodoxen haben in Nazareth ihr Heiligtum, dem Erzengel Gabriel geweiht, auch mit einer Grotte.... Die Straßen haben hier Nummern, keinen Namen.

Tabor: Ein 500m hoher Berg mit einer schönen Kirche. Hier soll Jesus verklärt worden sein. Auch Elija und Mose, die bei der Verklärung hinunterkamen, haben eine Kapelle hier. Den Aufstieg (und ich auch den Abstieg) legten wir schweigend zurück.

Kapernaum: Hier ist das Haus des Petrus zu sehen, die Memorialkirche ist in Form einens Schiffes auf Pfeilern darüber gebaut. Außerdem gibt es eine Synagoge aus dem 3.Jh. n.Chr. (d.h. Juden und Christen waren gemeinsam hier).

Gamla: Eine Stadt auf einem schwer zugänglichen Bergrücken, wie wir beim Abstieg dorthin merkten. Es war die letzte Stadt in Galiläa, die nach erbitterter Schlacht von den Römern erobert wurde, man sieht noch das Loch in der Mauer, das die Römer geschlagen haben.

Qorazin: Eine Stadt mit Synagoge und Häusern.

Sepphoris: Eine große Stadt mit vielen tollen, wertvollen Mosaiken; hier war das Judentumwahrscheinlich durch und durch hellenisiert.

Yodefat: Kürzlich ausgegrabene Stadt, die von den Römern als erste erobert wurde. Dankder Führung des Ausgräbers sahen wir auch was davon.

Bet Shearim: Eine Nekropole, d.h. eine Totenstadt, mit diversen Grotten und Höhlen voller Sarkophage vom Beginn unserer Zeitrechnung.

Caesarea Maritima: Von Herodes gegründete, prächtige Stadt, mit riesigem künstlichen, heute versunkenen Hafen, Amphitheater und einer Inschrift mit „Pontius Pilatus“.

Es ist beeindruckend, zu was für Ergebnissen die Archäologie gerade auch in soziokulutreller Hinsicht durch Kombination gelangen kann. Vieles von Galiläa aus der Zeit Jesu wissen wir noch nicht lange, es kommen immer wieder neue Erkenntnisse hinzu. Gerade in Israel wird viel Archäologie betrieben, weil die Geschichte hier auch immer eine politische Implikaiton hat und natürlich eine bedeutende theologische. Früher las man die Bibel und grub und identifizierte alles mit der Bibel, heute gräbt man (zumindest die meisten Archäologen) und versucht dann, daraus auf die damaligen Umstände und Übereinstimmungen in der Bibel zu schließen, was einige Mythen zum Einsturz bringt. Dadurch, dass man die Orte sieht, kann man sich besser in die Schilderungen der Schrift hineinfinden.

 

Am Samstag der zwei Wochen feierten wir mit den einheimischen Christen und den Brüdern (auch denen aus Jerusalem, die gekommen waren) das Tabghafest, das Bortvermehrungfest. Hierbei sollen die arabischen Christen selbst ihre heiligen Stätten sehen und feiern. Der Weihbischof kam in einem mit Vatikanflaggen befalggten Auto, die Messe, bei der wir ministrierten, war typisch arabisch – unruhig, und nicht ganz durchorganisiert. Der Weihbischof begrüßte stellvertretend für die Christen Galiläas nochmal den neuen Abt. Hinterher gab es noch einen Empfang und vor der Vesper Kaffee. Da die Kirche zur Zeit, als die Vigil beginnen sollte, verschlossen war, beteten wir sie kurzentschlossen zu neunt auf dem Platz vor der Kirche.

Am Sonntag gingen wir zu zweit in die Messe in der Kapelle Primat des Petrus (auf Joh 21 zurückgehend), die an das Gelände der Benediktiner grenzt. Wir hatten am Donnerstag zuvor gefragt, ob wir teilnehmen dürfen und bekamen dann die Erlaubnis dazu. Der Franziskanerpater, der Magdala ausgräbt und den wir schon kannten, zelebrierte von 7 Uhr bis 7.30 Uhr (typisch italiensich franziskanisch) für drei Schwestern, einen Bruder und uns beide in einer Hauskapelle im Konventsgebäude (leider nicht in der Primatskapelle am See selbst) , wobei er in Jogginganzug aus seinem Zimmer zur Messe kam. Auf dem Gelände trafen wir auch den Husky wieder, der sonst bei uns am Haus rumstreunt.

Außerdem hatten wir noch einen geistlichen Tag und einen freien Tag. Mit drei Anderen ging ich zuerst auf den Berg der Seligpreisungen: Hier wurden an ca. 10 Altären auf dem Gelände gleichzeitig von Pilgergruppen Messe gefeiert. Auf dem Hügel nebenan hat das Neokatechumenat sein Seminar. Wir dachten, wir könnten den Hügel hochlaufen. So machten wir uns auf den Weg, er führte über Stock und Stein, Zäune und Dornen, vorbei an Tierknochen. Bei der Mittagsrast beteten wir das evangelische Tagzeitengebet (sehr ähnlich dem katholischen). Nach dreieinhalb Stunden waren wir nach einigen Umwegen an einem Restaurant angelangt, in dem wir aßen. Der Besitzer (ein amerikanischer Jude schätzungsweise) sagte zu mir, als ich ihm erzählte, dass ich aus Düsseldorf komme, dass wir ja diese Saison gut wären, Fortuna sei ja Tabellenführer der 2. Liga – verblüffend. Ausgeruht und gestärkt gingen wir die letzten 5 Minuten bis zum Seminar, aber es hatte dummerweise geschlossen. Der Rückweg an der Straße entlang dauerte 90 Minuten, wir verkürzten ihn uns durch das Singen der Allerheiligenlitanei. Immerhin hatten wir einen Tag an frischer Luft und mit Bewegung!

 

Das Wetter in der zweiten Woche war sehr regnerisch und kühl, und so ist es auch jetzt noch. Schade, aber der Sommer war hier ja auch lang genug.


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