Die Fortsetzung
Es ist kühl geworden, windig, wolkig, und letztens hat es wie aus Kübel geschüttet. Aber für Anfang November kann man sich nicht beschweren.
Freitag: Wir setzen unseren Liturgietourismus fort und besuchen die Messe im Notre Dame Centre, knapp außerhalb der Stadtmauer, in der ehemaligen Nuntiatur. Als wir danach noch mit dem Priester sprechen, erfahren wir, dass dort die Legionäre Christi die Pilgerherberge und die Pilger betreuen. Es war eine schöne Messe und ein angenehmes Gespräch.
Am Samstag führte Prof. Zangenberg alle Interessierten durch das Rockefeller Museum, in dem die Funde der Grabungen in Palästina in der Mandatszeit ausgestellt sind. Lampen, Schalen, Glas, Schmuck, Skelette, das meiste aus der Zeit zwischen 2000 v. und 400 n.Chr., aber auch Funde von vor 200.000 Jahren. Auf dem Rückweg durch die Altstadt war es auf einmal so voll, dass sich einige Araber in die Mitte des Ganges stellten, um so zwei Spuren für die Passanten zu formen. Typisch arabisch – spontane Hile und Absprachen sind kein Problem.
Am Samstag Abend besuchten wir die Anglikaner. Ein Reverend betete mit uns das Abendgebet der Anglikaner auf Englisch im Chorgestühl, außer uns war noch ein junger Mann da. Wir wurden wieder herzlich begrüßt und interessiert hörte er uns zu, woher wir kommen, was wir tun und was wir erlebt haben. Das ist hier überall zu bemerken, nur in orthodoxen Kirchen sind die Popen etwas zurückhaltend mit der Freundlichkeit. Im Innenhof des anglikanischen Gästehauses trafen wir noch ein älteres Ehepaar aus den USA. Der Mann beklagte sich darüber, dass seine Frau ihn so hetzt und erzählte, dass er in Deutschland die schönste Landschaft und die schönsten Frauen gesehen habe.
Am Sonntag Morgen gingen wir in den Gottesdienst der Christ Church, zu evangelikalen Anglikanern. Die Kirche war wohl ursprünglich für andere Formen der Messe gedacht, denn es gab einen Chorraum mit Chorschranken (hier wurde auch die Kommunion verteilt, kniende Handkommunion). Vorsteher waren ein Priester und ein Diakon, der die verschiedenen Teile der Messe ankündigte. Der Beginn war ähnlich dem neuen Ritus, nach dem Gloria kamen aber vier Worshipsongs (Lobpreislieder), von einer Gruppe aus Klavier und Gitarre gespielt. Die Texte wurden auf einer Leindwand angezeigt. Wie es der evangelikalen Spiritualität entspricht, bewegten sich die Gemeindemitglieder dazu, vor allem ihre Hände. In der 35-minütigen Predigt über das Gleichnis von den 10 törichten und 10 klugen Jungfrauen wurde eingschärft, dass man allezeit bereit sein soll für das Gericht, welches sich auch schon hier vollzieht (laut Joh). Nach den sehr eindringlich gesprochenen Fürbitten kam das Vater Unser, dann der Freidensgruß (sinnvollerweise vor der Eucharistiefeier!), dann wurde der Ambo, an dem sich bisher alles abgespielt hatte, zur Seite geräumt und der Altar nach vorne geschoben – ja, geschoben. Die Eucharistiefeier folgt immer dem gleichen Wortlaut in allen Gebeten und Präfationen. Sie ging relativ schnell vonstatten. Wer wollte, konnte nach dem Empfang der Kommunion zu zwei Gemeindemitgliedern beichten gehen, sie hatten auch schon eine Taschentücherbox für evtl. Tränen bereitgestellt. Die Wandlungsworte wurden, bevor sie auf Englisch gesprochen wurden, auf Hebräisch gesungen (dabei sprach Jesus aramäisch). Auch stand eine Menorah, der siebenarmige Leuchter, auf dem Altar, und Jesus wurde immer Messias genannt.
In der Grabeskirche feierte um 17 Uhr eine Pilgergruppe aus Rom Gottesdienst – es ist immer wieder beeindruckend, wie gut Italiener die Messtexte (Gloria, Großes Credo) auf italienisch und diverse Lieder auswendig kennen.
Ich habe im arabischen Viertel schon Schoko-Osterhase gesehen...
Morgen um 6.30 Uhr brechen wir nach Galiläa auf. Davon dann in zwei Wochen mehr.