Liturgie-Tourismus

Veröffentlicht auf von yerushalayimshelzahav

Am Mittwoch Nachmittag hatten wir einen Studientag mit dem gebürtigen Düsseldorfer Gil Yaron, der als Nahostkorrespondent für viele Zeitungen arbeitet. Er erzählte uns über die Situation der Juden seit der Aufklärung und die daraus entstehenden Bewegungen – raus aus Europa in einen Judenstaat, zurück ins Heilige Land, Entstehung der Ultraorthodoxen, die sich bewusst von der nichtjüdischen Gesellschaft absondern. Erst kommen antireligiöse Zionisten, die ein sicheres Leben von Juden in Europa für unmöglich halten, dann religiöse Antizionisten, die nach dem schnellen Sieg im Sechstagekrieg zu religiösen Zionisten werden.

Am Donnerstag und Freitag hatten wir frei, da der Dozent erkrankt war – Zeit für Liturgietourismus. Den Donnerstag Vormittag verbrachte ich lesend im jüdischen Viertel vor einer Schule für ultraorthodoxe Kinder. Als sie Pause hatten, spielten sie Fangen und Verstecken auch auf, neben und unter der Bank, auf der ich saß. Ein 5-Jähriger musterte mich, nickte dann langsam und sagte „Beseder.“ – „In Ordnung.“ So durfte ich sitzenbleiben. Durch das jüdische Viertel zogen mindestens 6 Gruppen von trommelnden Chassiden.

Apropos Chassiden – ich habe mir eine CD gekauft mit jiddischen und chassidischen Liedern, vorwiegend Klezmer, sehr schöne Musik. Und bei der Gelegenheit habe ich mir auch noch eine große samtene, schwarze Kippa gekauft – besser als ein Stofflumpen, der ständig runterfällt.

Donnerstag Nachmittag waren wir in der Kirche der Nationen zur Heiligen Messe, sie wurde auf Italienisch und Latein von Franziskanern gefeiert. Das Angebot.die zweite Lesung zu lesen, mussten wir aufgrund der Sprache leider ausschlagen. Touristen kamen sogar noch bei der Wandlung nach vorne und fotografierten und stiegen über uns. Ansonsten war es eine wirklich schöne Liturgie, mit allem, was dazu gehört. Es gab zur Gabenbereitung sogar ein Lied, welches bis auf zwei oder drei Wörter die Worte des Gebetes des Priesters bei der Gabenbereitung enthielt – Italiener und andere Sprachen haben wirklich erfolgreich die authentischen Messtexte für die Gemeinde vertont, so werden die Gebete und Texte auch zu den Texten der Gemeinde, im deutschen Sprachraum gibt es ja meist leider nur Paraphrasen, ein wirklicher Missstand. Die Schwestern schenkten uns nach der Messe noch Marienmedaillen. Danach haben wir noch, 2 Katholiken, 2 Lutheraner, die römische Vesper zusammengebetet – wirkliche Ökumene! J

Freitag Mittag, Damaskustor im muslimischen Viertel: Wir kommen von der Messe bei den Dominikanern (ordentlich, aber zügig) und haben vor, durch das Tor in die Altstadt reinzugehen. Ein wenig aussichtsreicher Plan, denn das Freitagsgebet auf dem Tempelberg ist zu Ende und die Massen strömen uns entgegen. Auf den Straßen heilloses Chaos. Wenn die Fußgänger bei Rot gehen, hupen die Autofahrer, bleiben aber sonst gelassen und warten. Es ist eng, voll, bewegen tut sich kaum etwas – alles normal. Die Leute regen sich nicht auf, keiner wird panisch, zusammen durchlebt man das alles und bleibt ruhig, was will man auch sonst tun? In Deutschland stände dort Polizei, würde das Tor sperren, würde Gitter aufstellen, die die Massen lenken, würde den Verkehr regulieren, Straßen sperren. Hier nicht. Der Döner, den wir bestellen, wird nach 3 Minuten aus einem anderen Geschäft gebracht – vielleicht der Cousin. Alles lässt sich besorgen und machen, über welche Kanäle – das will man nicht wissen.

Aber es funktioniert, trotz allem. Und wir Deutschen stehen staunend dabei.

Am Freitag Abend feierten wir mit unserem Gastbruder Br. Josef seinen 40. Geburtstag, zusammen mit den Mönchen und Freunden, ein sehr geselliger Abend.

Am Samstag Nachmittag besuchten wir dann die Vesper der russisch-orthodoxen Gemeinde. Bänke gab es kaum, die Devotionalienstände im Kirchraum, die ihre Ware in Dollar auszeichnen, schlossen auch währenddessen nicht. Man fühlte sich wie in Russland, um 1900, im Winter: die Liturgie wardank Kronleuchter, Gold und Chor von einer warmen Atmosphäre geprägt, die Frauen trugen allesamt Rock und Kopftuch. Die Türen des Altarraumes in der Ikonostase gingen manchmal auf, oft waren sie verschlossen, sodass man wenig sah, aber der Chor sang. Allein an der Vesper waren mehr als 20 Mann beteiligt, der Bischof ging in einem wunderschönen weiß-goldenen Gewand mit einer umwerfenden Krone auf dem Kopf (Edelsteine, Medaillons) durch die Gläubigen und inszensierte sie. Zwischendurch kamen Priester aus der Altarraum und Scharen von Gläubigen strömten zu ihnen zur Beichte. Die Vesper dauerte 80 Minuten, die Orthodoxen erfüllen durch die Teilnahme aber auch schon ihre Sonntagspflicht.

Am Sonntag nahmen wir an der Messe der Franziskaner auf arabisch teil – es war wie immer bei Arabern: laut, unkoordiniert, unruhig, die Kinder liefen im Chorgestühl herum, dort wurde auch schon die nächste Messe vorbereitet während der laufenden Messe.

Am Sonntag Nachmittag wurde in der Abteikirche der Mount Zion Award verliehen, ein Preis für Verständigung unter Religionen und Völkern. Dieses Jahr wurde eine israelisch-jordanisch-palästinensische Institution ausgezeichnet, die sich über Völkergrenzen hinweg dem Naturschutz und besonders dem Jordanwasser (für alle monotheistischen Weltreligionen heilig) widmet. Wir haben jetzt auch eine Exkursion zu den Orten, an denen die Institution wirkt, angeleiert. Zur Preisverleihung war wieder viel Politprominenz gekommen. Das Studienjahr untermalte die Zeremonie musikalisch mit charismatischen Liedern, der Empfang danach war wieder gesellig und lang.

Am Reformationstag ging ein Großteil des Studienjahres in die Erlöserkirche in den inernationalen Gottesdienst. Ordinierte aus Jordanien, Palästina, Deutschland und den skandinavischen Kirchen nahmen daran teil. Die Texte wurden großteils auf allen drei großen Sprachen – deutsch, arabisch, englisch – vorgetragen, außerdem für Gehörlose. Beim Vaterunser und dem Credo klang es wie im babylonsichen Sprachengewirr, als jeder auf seiner Sprache betete. Die nordischen Lutheraner tragen noch Stola und Chorkleidung, so kam es, dass ich auch Frauen mit Stola und auch in Kollarhemd sah. Die Lieder in der Messe waren teilweise auch die Klassiker aus dem Gotteslob.

Und anschließend gab es mal wieder einen Empfang, das wird hier zu unserem Hobby.

Die Allerheiligenmesse feierte ich in der hebräisch-katholischen Gemeinde mit in einer Kapell in einem Haus mit ca. 30 Besuchern. Ein bisschen verstanden wir davon; eindrücklich war, dass sie statt „Christus“ das hebräische Wort „Maschiach“ (Messias) verwendeten – durch andere authentische Begriffe wird man sicher der eigentlichen Bedeutung des Gewohnten bewusst. Ich glaube, hier kann man heimisch werden. Im anschließenden Vortrag erklärte uns P. David Neuhaus SJ, ein geborener Jude mit deutschen Vorfahren, der sich auch weiterhin als Jude (als Volkszugehörigkeit) bezeichnet, ein wenig über die Gemeinde: Nach dem zweiten Weltkrieg entstand die hebräischsprachige katholische Gemeinde aus konvertierten Juden und durch die Shoa judennahen Christen. Sie lebte von Beginn an in der israelischen Gesellschaft. Heute umfasst sie 500 Mitglieder (mit 11 Priestern!), außerdem gibt es mehrere tausend Kinder von Einwanderern, die hebräisch sprechen und katholisch sind und potenziell zu der Gemeinde gehören. Hebräisch war nie eine Sprache der Christen, deshalb ist heute die Frage aktuell, wie man christliches Gedankengut ins hebräische übersetzt, ausdrückt, durchdenkt und vermittelt. Im jüdisch-christlichen Dialog nehmen sie die Minderheitenposition ein (im Gegensatz zum globalen Dialog), das Problem vieler Juden mit dem Christentum ist besonders die von Gewalt geprägte Vergangenheit, erst in zweiter Linie der Glaube. P. Neuhaus selbst ist in einer Kommission von christlichen Geistlichen aller Konfessionen, die geborene Juden sind und versucht dort, das Christentum für Juden verständlich zu machen.

Am Mittwoch Abend feierten wir um 19 Uhr im Päpstlichen Bibelinstitut die Heilige Messe mit. 9 Priester zelebrierten, es sind wohl Doktoranden aus allen Teilen der Welt. Die Übersetzungen von liturgischen Texten ins Englische scheinen mir anders als im Deutschen zu sein.

Bei all den verschiedenen Liturgien, die ich in den letzten Tagen besuchte (7 neue Liturgien in 7 Tagen), fiel mir auf, dass die Gebete immer im gleichen Rhythmus gesprochen werden, egal in welcher Sprache. Viele liturgische Ungereimtheiten, die man in Deutschland erlebt, gibt es hier nicht.

 

Die Woche steht im Zeichen der Vorbereitung unserer zweiwöchigen Galiläa-Exkursion ab nächster Woche. Verschiedene Professoren halten Einführungsvorlesungen in die Archäologie Galiläas sowie in archäologische Methoden (sehr interessant!, am Tisch hört mandann auch Fachgespräche unter Experten) und wir hören Referate von Kommilitonen. Wir werden im Gästehaus in Tabgha, an der Brotvermehrungsstelle, an der die Abtei ein Priorat unterhält, wohnen und von dort aus ausgedehnte Tagesexkursionen unternehmen. Dort gibt es kein Internet.

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