Die Altstadt II
Am Mittwoch stand eine „Rallye“ durch die Altstadt auf dem Programm, um sie zu erkunden. Es wäre zu viel und zu oberflächlich, würde ich jetzt alle Punkte, die wir gesehen haben, aufzuzählen. Das werde ich nach und nach, wenn ich alles einmal in Ruhe aufgesucht habe, nachholen.
Was mich noch mehr beeindruckt als vorher schon, ist die Bauweise. Ich hatte ja schon gesagt, dass man immer meint, über den „Sugs“, den Einkaufsstraßen, würde es noch ein Eigenleben geben. Hier wird hoch und tief und quer gebaut, um auf einem Gebäude ungefähr 3 einzelne Bauten samt 3 Höfen (wobei einer vielleicht schon wieder auf dem Dach eines anderen Hauses liegt) unterzubringen. Ein wahrer Dächermeer.
Ein Sug ist eine Straße der kleinen Läden. Container in oder vor die Wände gestellt, sitzen die Händler dort und preisen ihre Waren an, natürlich immer zum „special price“. Diese Sugs sind meist überdacht. Im muslimischen Viertel kommt man dort dadurch wirklich durch „alle Gerüche des Orients“.
Die vier Viertel der Altstadt (armenisch, christlich, muslimisch, jüdisch) sind nicht streng getrennt. Überall trifft man auch Menschen der jeweils anderen Tradition. Und jüdische oder christliche Andachtsgegenstände bekommt man überall, auch in den Straßen rund um den Tempelberg im muslimischen Viertel.
Auch die orthodoxen Juden unterscheiden sich noch untereinander, habe ich festgestellt: Manche tragen die Locken (ich kenne leider nicht die Bedeutung und den Begriff dafür) und den Hut, manche längere Mäntel, manche haben einen langen Bart, aber keine Locken, manche tragen Locken und haben den Hinterkopf kahlgeschoren. Daran kann der Kundige erkennen, zu welcher Schule sie gehören. Ich habe sogar einen Zwei- bis Dreijährigen mit Schnuller, Kippa und einem charakteristischen weißen Band (wie das heißt und was es bedeutet, ist mir leider auch nicht bekannt) an der Hose.
Was mir vorher nicht bekannt war: Einige jüdische Gruppierungen erwarten den baldigen Bau des Dritten Tempels (der Erste stand von salomonischer Zeit (ca. 950 v. Chr.) bis zum Fall Jerusalems und Beginn des Babyonischen Exils 586 v.Chr., der Zweite von 516 v.Chr. bis zur Zerstörung Jerusalems durch die Römer 70 n.Chr. und war DER zentrale Ort für Opfer und Gebet) und es gibt sogar schon eine Menorah (der 7-armige Leuchter) und ein Museum mit Gewändern für die Hohepriester.
Außerdem laufen hier sehr viele Katzen umher.
Als Studienjahrler haben wir in der Stadt anscheinend einen Bonus, denn es gibt einerseits freundschaftlich verbundene Geschäftsinhaber als auch freundliche Informationen, wenn man sagt, dass aus der Dormitio kommt. Welch Ehre!
Die Kinder scheinen hier sehr viel selbstständiger als in Deutschland. Kleine Kinder bieten ihre Dienste als Wegweiser an und sind oft und lange allein unterwegs in der Altstadt - in Deutschland undenkbar.