Wie ich einen Ultraorthodoxen kennenlernte

Veröffentlicht auf von yerushalayimshelzahav

Montag Morgen – der Dozent kommt nicht. Was machen Studenten mit unverhoffter Freizeit? Richtig, sie nutzen sie zum Kaffeetrinken. Dabei saßen wir auf dem großen Platz im jüdischen Viertel und beobachteten Leute. Eine Gruppe von Juden, gemischt von Ausrichtung und Alter, zog trommelnd umher... Nachmittags bin ich über die Stadtmauer gegangen – hier bekommt man ungewhnte Einblicke in die Hinterhöfe derAltstadt, sieht über die Dächer Jerusalems (ein Irrgarten!) und sieht sehr viel heruntergekommene Häuser und dreckige Höfe und Ecken. Abends habe ich dann das bisher Skurrilste hier erlebt: Ich war mit einem Freund auf dem Dach, im Schulchan vor dem Haus steigt eine Party. Vor dem Schulchan steht ein Ultraorthodoxer (mit langem Mantel, Schläfenlocken, Hut, ca. 30 Jahre), der in den Schulchan reinschaut. Er geht weg, wir winken ihm, er winkt zurück. Er kommt wieder, wir winken ihm, er tanzt zur Musik und sagt, wir sollen runterkommen zu ihm. Also gut – wir gehen hinunter. Er erklärt uns, dass er eigentlich im Schulchan tanzen gehen wollte, aber da es eine Privatparty sei, werde er nicht hineingelassen, deshalb steht er draußen vor und versucht reinzublicken. Er erzählt, dass er schon in Deutschland war mit seiner Klezmergruppe, dass er in Berlin und Frankfurt feiern war nach den Konzerten, dass er Breakdance macht und tanzt, seitdem er 3 Jahre alt ist. Er kennt das Beit Josef und das Studienjahr schon von früher ein wenig. Wir laden ihn ein, noch auf der Dachterrasse bei uns ein Bier zu trinken. Dort erzählt er uns, dass er eigentlich offen sei, auch wenn er nicht so aussehe. Er wohnt in Mea Schearim, dem Stadtteil, wo nur Ultraorthodoxe wohnen. Religiös zu leben, koscher zu essen, den Sabbat zu halten ist ihm wichtig, aber er versteht nicht, warum es verboten sein soll, fremde Frauen anzufassen und erzählt von seinen Ausflügen in Discos, in die er aber natürlich von seiner Familie eigentlich nicht darf. Wir tauschen Handynummern und E-Mail-Adresse (er geht immer in ein Internetcafe) und auf dem Weg zur Tür begegnen wir Kommilitonen von uns, die zuerst ihren Augen nicht trauen... Am Dienstag beschäftigten wir uns mit den jüdischen Siedlern in nichtjüdischen Teilen Jerusalems: Während die 1948 vertriebenen Araber enteignet wurden, versuchen nationalreligiöse Siedlerorganisationen, Häuser, die vor 1948 in jüdischer Hand waren, wieder zu erlangen. Manchmal werden dafür Häuser von palästinensischen Familien abgerissen und die Familien vertrieben. Die Siedlerhäuser stehen oft isoliert inmitten arabischer Gegenden und sind an der israelischen Fahne und den Kameras zu erkennen. Es gibt auch jüdisch-palästinensische Gegendemonstrationen. Abends waren wir auf dem Ball im Österreichischen Hospiz anlässlich des Nationalfeiertags eingeladen: Nach einem guten Essen folgte eine Tanzsoirée. Ich lernte eine Gruppe von Rittern des Heiligen Grabes kennen, da diese auch zum Großteil in Studentenverbindungen sind. Und heute morgen skypte ich mit meinen Kommilitonen in Bonn in der Vorlesungspause!

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