Lasst uns gehen, lasst uns gehen, lasst uns gehen nach Bethlehem – eine Zeitreise

Veröffentlicht auf von yerushalayimshelzahav

Dienstag – auf nach Bethlehem!

Auf dem Weg von der Busstation zur Geburtskirche war es ungewohnt, palästinensische Flaggen zu sehen. Ansonsten das gleiche Bild: Wüste ringsum, enge Straßen mit Händlern und ohne Bürgersteige. Kurios: Die Westbank ist eine Stunde zurück. So müssen die Moslems eine Stunde weniger bis auf Sonnenuntergang und Fastenbrechen warten abends, nur morgens geht die Sonne dementsprechend auch eine Stunde früher auf.

Die Geburtskirche von 531 markiert mit hoher Wahrscheinlichkeit den Ort Christi Geburt und hat die typische Basilika-Form. Von den vielen Mosaiken aus byzantinischer Zeit sind leider nur noch wenige erhalten, da das Dach undicht ist. Eine Restaurierung ist aber unmöglich, da die verschiedenen Konfessionen, die die Kirche nutzen, sich nicht einigen können, wer es bezahlt (im Prinzip ist die Kirche in Besitz der Griechisch-Orthodoxen). Die berühmte kleine Tür ist ursprünglich ein großes Portal gewesen. Als 1517 die Türken kamen, verkleinerte man sie, damit die Türken nicht mit Pferden einreiten und zerstören konnten.

Die Erfahrungen, die ich in der Geburtsgrotte unter dem Altar machen musste, waren erschreckend: Eine Reisegruppe wurde von ihrem Reiseführer angeleitet, zu zweit vor den Stern, der die Geburtsstelle markiert, zu treten, ein Foto zu machen, sich umzudrehen zur Krippengrotte (die Tiere waren immer etwas tiefer positioniert in diesen Höhlen, die bis vor 50 Jahren die übliche Behausung in dieser Region waren) und dann ans Ende der Grotte zu gehen, um danach ein Lied zu singen. Betende Leute schickte der Guide weg, da sie im Blickfeld der Kameras waren.

Aber auch ohne das Getöse war es „zu viel“ für mich: Die Bedeutung dieses Ortes zu begreifen, ist unmöglich.

Mittags gab es Falafel für 5 Shekel. Zusammen mit den 3 Shekel für mein Wasser habe ich ca. 1,70 Euro für mein Mittagessen ausgegeben – unmöglich in Deutschland.

In einer Gesprächsrunde erklärte uns ein palästinensischer evangelischer Pfarrer seine „kontextuelle Theologie“: Er möchte Geschichte, Politik und Kultur mit einbeziehen. Sein Hauptanliegen ist, dass die europäische Theologie nicht länger das biblische Israel mit dem heutigen Staat Israel gleichsetzt, um keine Legitimation für die schlechten Lebensverhältnisse in den Palästinensergebieten zu geben. Er betonte auch, dass seiner Ansicht nach die Palästinenser als die schon lange hier ansässige Bevölkerung mehr mit dem biblischen Volk Israel zu tun hätten als die aus Russland und Europa eingewanderten Juden, die ihrerseits die schon hier ansässigen Juden nicht beachtet hätten. Provokante politische Thesen...

Das Highlight des Tages kam nach einem 50minütigen Fußmarsch von Bethlehem an die Mauer, die das Westjordanland vom Rest des israelischen Hoheitsgebietes trennt: Wir kamen zu einem Schwesternkonvent: Französischsprachige Benediktinerinnen leben direkt an der Mauer (sie lebten schon vor dem Mauerbau hier) und feiern griechische Liturgie, d.h. wie die griechisch-Orthodoxen, mit eigenen Texten, eigener Musik, eigenem Ablauf usf., haben als Oberhaupt aber den Bischof von Rom.

Durch den griechisch-katholischen Ritus zeigen sie, dass Katholizismus nicht nur römisch-katholisch ist. Gerade nach dem Mauerbau 2003 vor ihrer Haustür ist ihnen aber auch eine markante Rolle im politischen Friedensprozess zugefallen.

Dann kam das Eindrücklichste: Um immer wieder Vergebung mit allen Menschen zu erfahren, gerade an diesem Ort, waschen die Schwestern allen Gästen die Füße. Es war bewegend, dies beim Klang von Taizégesängen (auf Latein, sodass jeder mitsingen konnte) zu erleben und mit anzusehen. Dieses Handeln hat nichts Pastorales an sich, sondern ist konkrete Tat!

Nachdem wir dann die Grenzkontrolle passiert hatten (ein riesiges Areal, bis man dadurch ist), bin ich mit 4 Begleitern zu Fuß zurück gelaufen – wahre Jerusalempilger, die bei Dunkelheit auf dem Zion ankamen.

Mein Fazit von Bethlehem: Die Geburtskirche ist ein besonderer Ort, aber man kann nicht zur Besinnung kommen. Das Umfeld ist auch weniger dazu angetan, sich der Besonderheit dieses Ortes bewusst zu werden. Schade.

 

Heute begann der Ernst des Lebens wieder: Ich meine nicht die Gespräche über die Wunschausstattung unserer Küchen am Frühstückstisch, sondern die erste Vorlesung, P. Körner SJ zu islamischen Eschatologien, hat begonnen. Es ist ein angenehmes Lernen, ich freue mich auf mehr davon.

Am Mittagstisch mit 5 evangelischen Kommilitonen folgte ein Teil der alten Diskussionen: Wann ist der Papst unfehlbar? Ist das Verbot der künstlichen Empfängnisverhütung wirklich definitiv festgelegt? Warum legt man etwas fest, wenn sich doch keiner dran hält? Warum sollte künstliche Empfängnisverhütung denn schlecht sein? Die alten Fragen, aber zu deren Erörterung ist man schließlich hier.

Im Schulchan David, dem Hochzeitslokal vor unserem Haus, habe ich mit einem Kommilitonen am Montag die dort feiernden Juden beobachtet. Sie hatten zwei Räume, einer für Männer, einer für Frauen. Die Männer tanzten nur im Kreis herum, Ringelpitz mit Anfassen. ;) Ein lustiger Abend auf dem Dach endete erst nach 0 Uhr.

 

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