Kar- und Osterfeierlichkeiten und Abschied
In der Karwoche besuchte ein ehemaliger Dozent von mir, der selber vor 38 Jahren im 1. Studienjahr hier war, Jerusalem und die Dormitio. Als ich ihn durch unser Studienhaus führte, erklärte er mir, was damals schon so war wie heute und welche Unterschiede bestanden. Außerdem ist eine Kommilitonin aus Bonn als Volontärin hier angekommen. „Man sieht sich in Jerusalem!“
Palmsonntag: Die Messe morgens in der Dormitio war mit Pilgern überfüllt. Ergreifend war der Abendmahlsbericht, 50m vom Abendmahlssaal entfernt. Nach dem Mittagessen machten wir uns auf den Weg zum Ölberg. Um 14.30 Uhr begann die Prozession in Betphage (der aufmerksame Kirchbesucher wird es gehört haben). Das liegt auf der stadtabgewandten Seite des Ölbergs. Dort waren die Verhältnisse ein wenig wie an Karneval. Polizeistreifen laufen herum, eine charismatische Gruppe spielte Musik und tanzte, Getränke (hier vornehmlich Wasser) wurden verkauft, man wartete auf die Prozession. Dort gingen einheimische Vereine voraus, dann folgten riesige Pilgermassen, die ihrer Sprache und Spiritualität gemäß beteten (tanzen, singen, grölen, Litaneien beten), dann zum Schluss die Ordensleute und der Patriarch, von den Rittern des Heiligen Grabes zu Jerusalem und Pfadfindern beschützt. Es ging über den Ölberg hinüber ins Kidrontal, dann wieder hinauf ans Stephanstor zu St. Anna (also zum Heim der Eltern Mariens). Dort spielte eine Liveband, der Patriarch wurde begeistert empfangen. Ein bisschen war es wie am Weltjugendtag, mit all den kleinen singenden und ausgelassenen Gruppen. Die Freude des Hosianna und des Einzugs war wirklich spürbar. Der Patriarch hielt eine kurze Ansprache, dann folgte eine kurze eucharistische Anbetung (ziemlich unwürdig auf einer Wiese bei einem Pfarrfest und unaufmerksamen Leuten). Auch viele palästinensische Gemeinden waren mit Bannern gekommen, auf denen stand, wie nahe betreffende Gemeinden an Jerusalem liegen.
Am Gründonnerstag besuchte ich die Liturgie ein letztes Mal in Abu Ghosh. Nach der Messe fand ein liturgisches Mahl im Refektorium der Brüder statt. In der Dormitio bekam ich die letzten 20 Minuten der Messe mit, nachdem der Altarraum freigeräumt worden war, wurde Ps 22 („Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“) vorgelesen, dazu gingen nacheinander alle Lichter in der Kirche aus. Der Altarraum der Krypta war mit Bäumen gestaltet, wie der Garten Gethsemane. Wir machten uns auf den Weg ins reale Gethsemane. In der heillos überfüllten Kirche, in der man wieder viele bekannte Gesichter sah, war gerade die Messe mit dem Kustos zu Ende und die Gläubigen formierten sich zur Fackelprozession Richtung St. Peter in Gallicantu, wo das Gefängnis Jesu Christi lokalisiert wird und Petrus Christus verleugnet hat. Wir blieben noch in der Kirche und hatten dort eine wahre „Ölbergstunde“. Auch nach Gallicantu, das am Abhang des Zion liegt, gingen wir noch.
Am Karfreitag besuchten wir die Liturgie vom Leiden und Sterben Christi in der Dormitio. Nach der Kreuzverehrung wurde das Kreuz in ein Tuch gehüllt und in die Krypta getragen, wo ein Grab vorbereitet war und in welches der Korpus hineingelegt wurde. Der Sarg war bedeckt mit einem schwarzen Samttuch. Als wir danach durch die Gassen Jerusalems spazierten, erlebten wir zuerst noch die Grablegeliturgie der katholischen Araber mit, die den Korpus in Prozession in die Kirche hineintrugen. Dann kamen wir zufällig bei den Melkiten vorbei, als deren Prozession mit dem Erzbischof gerade in die Kirche hineinzog. In den Chorraum hatten sie ein wirklich großes Grab gebaut. Das Christentum wirkte hier im christlichen Viertel wirklich lebendig: Die Feiern des Karfreitags werden den ganzen Tag hindurch begangen, jede Gemeinde gestaltet sie nach ihren eigenen Traditionen im Rahmen der großen liturgischen Tradition.
Die Trauermetten in der Krypta der Dormitio am Karsamstag von 6- 7.15 Uhr wirkten wirklich wie eine Wache am Grab.
Die Osternacht in der Abtei begann um 3 Uhr nachts und dauerte bis 6.15 Uhr, es wurden alle sieben Lesungen des Alten Testaments der Nachtwache gelesen. Die Inszenierung war ergreifend, und das Vogelgezwitscher, das ab dem Gloria einsetzte, war ein schönes eichen für den anbrechenden Morgen. Nach der Messe gab es Osterfrühstück mit allen Messbesuchern. Nach dem Hochamt nahmen wir das Festessen ein. Die Vesper des Ostersonntags endete mit dem Friedhofsgang, bei dem den toten Brüdern die Freudenbotschaft der Auferstehung gebracht wurde.
In der Grabeskirche wurde schon am Karsamstag Morgen die Auferstehung gefeiert, denn zur Zeit, als der heute noch das Nebeneinander der Konfessionen regelnde Status quo erlassen wurde (1852), feierte die katholische Kirche die Osternacht am Karsamstag Vormittag.
Die Juden feierten ab Karfreitag das Pessach-Fest, das auch in den Evangelien in Zusammenhang mit der Kreuzigung erwähnt ist. Konkret bemerkbar machte es sich darin, dass man in allen Geschäften nur noch ungesäuertes Essen kaufen konnte und die Straßen des jüdischen Viertels und besonders die Klagemauer überlaufen waren wie bei einem Volksfest.
In der Karwoche besuchte mich meine Familie. Ich zeigte ihnen mit Freude alle wichtigen Orte und erzählte von vielen Kleinigkeiten, die sich hier abspielen, die ich erlebt habe. Dazu hatten wir grandioses Wetter – da könnte man einfach noch länger hier bleiben. Da wir auch äußerlich wie Touristen schienen, erlebte ich, wie anstrengend es sein kann, ständig von Händlern und Taxifahrern angesprochen zu werden.
Der Abschied aus Jerusalem war schwer, es ist schon Tradition geworden, dass Abfahrende von allen noch Bleibenden zum Taxi geleitet werden.
Der Rückflug gestaltete sich angenehm: Als Familie wurden wir so gut wie gar nicht kontrolliert, am Flughafen empfingen uns morgens um 5 Uhr meine Freundin und Messdienerleiter. Im Radio sprachen sie dann über das Gedicht von Grass über Israel, das Land lässt mich also nicht los.
Hier nun in Deutschland ist fast alles wie vorher (zumindest die Baustellen für die U-Bahn), nur ich sehe die Dinge anders: Die flache Landschaft mit ihren vielen Bäumen ist so anders als die karg bewachsenen Hügel Judäas, Brötchen zu essen war ein lange nicht erlebtes Vergnügen, zu Stadttoren und Chorgestühlen, wie sie teilweise auch noch hier zu finden sind, habe ich nun ein anderes Verhältnis, ein Taxi per Telefon zu bestellen und nach Taxameter zu bezahlen, war ganz ungewohnt, an einem Laden mit arabischen Buchstaben, der Shawarma und Falafel verkauft, lief ich völlig ungerührt vorbei, bis mir auffiel, dass es das hier nicht an jeder Ecke gibt, und die Nichtanwesenheit von Soldaten in den Straßen sowie von Kontrollen an belebten Punkten wirkt fast schon befreiend. Voller neuer Eindrücke lebe ich nun wieder im Rheinland, fühle mich teilweise, als sei ich nur kurz weg gewesen, andererseits aber, als sei ich ein ganz neu geprägter Mensch, der in eine Welt zurückkommt, die davon nichts weiß.
Das Abenteuer in live ist nun gerade erst zu Ende; bis sich alles gesetzt hat, was ich erlebt habe, wird es aber noch lange dauern. Auch davon werde ich noch berichten.