Jom Kippur und Ewige Profess
Am Samstag feierten die Juden Jom Kippur, den großen Versöhnungstag, in dem sie sich ihrer Sünden besinnen. Sie fasten von Sonnenuntergang freitags bis Sonnenuntergang samstags. In der Zeit gilt ein striktes Arbeitsverbot, was auch von den meisten säkularen Israelis eingehalten wird.
Außerdem tragen sie keine Lederschuhe, da Leder bequem ist, besonders früher war es so. Also wurde auch zu schwarzem Anzug Turnschuhe, Flipflops u.Ä. getragen, oder gar nichts. An der Klagemauer beteten viele Juden, sie hatten teils prächtige Thorah-Rollen vor sich und Gebetsschale um. Es war wieder faszinierend zu sehen, wie sie aus ihren Büchern beten und auf einmal anfangen, zu singen, ohne Noten. Ich glaube, es wär ein Gewinn, wenn wir in der Kirche lange Gebete, die jeder Einzelne betet, hätten, da man so wirklich in einen kontinuierlichen Zustand des Gebetes und der Besinnung kommt.
Am Shabbat ist es verboten, Feuer zu machen, das gilt auch für Stromschalter und die Autozündung. An Jom Kippur halten sich auch alle Nichtjuden an das Gebot, nicht Auto zu fahren. So konnte man sogar über Autobahnen spazieren. Und die Glocken der Abteikirche läuteten auch nicht.
Nachmittags in Mea Shearim, dem Stadtteil, in dem nur Ultraorthodoxe wohnen, hörte man aus vielen Räumen Betgesang. Die Kinder (davon gibt es dort sehr, sehr viele) spielten auf den Straßen, z.B. Seilchenspringen. Es scheint, als sei dort die Zeit angehalten. Die Häuser sind älteren Datums, die Leute kleiden sich wie ihre Vorfahren in Deutschland und Osteuropa vor 100 Jahren, die Kinder sind adrett gekleidet und spielen auf der Straße, da sie kein Internet kennen. Die Kinder sahen uns, hatte ich das Gefühl, auch an, dass wir dort nicht hingehörten und wohl keine Juden sind, obwohl wir uns durch schwarz-weiße Kleidung, keine Ledersachen und Kippa so gut es ging angepasst hatten.
Als die Sonne unterging, wurde an der Klagemauer ausgiebig getanzt und mit Süßigkeiten gefeiert.
Wir waren zu viert in einer Kirche aus dem 5. Jahrhundert. Sie befindet sich unter einer neuen orthodoxen Kirche wie im Keller und ist am legendären Ort der Auffindung des Hauptes Johannes des Täufers. Der Eingangsbereich dient heute als Abstellraum des Klosters. Rundherum ist ein Kloster, welches durch eine kleine Tür zu erreichen ist, die direkt im Suq, den engen Einkaufsgassen, liegt.
Wir trauten uns noch zweimal durch ähnliche Türen, hinter denen laut Schild ein Klsoter sein sollte. Wir kamen jeweils in Innehnhöfe mit Wäscheleinen und rauchenden Leuten, und irgendwo fanden wir auch eine Kirche, die aber jeweils verschlossen war.
Nach einem Abstecher in die Kirche San Salvator der Franziskaner, die in europäischem Barockstil gehalten ist, tranken wir mit Frau Prof. Rahner im Christus.Treff, einem von Freikirchlern aus Marburg geleiteten Begegnungsraum, noch Kaffee. So etwas ist schön unkompliziert hier und unter deutschen Christen kennt man sich mit der Zeit immer besser und trifft alte Bekannte wieder. Im Allgemeinen duzt man sich.
Am Sonntag legte P. Zacharias, ein ehemaliger Diözesanpriester aus Mainz, seine ewige Profess hier ab. Bei der feierlichen Vigil am Vorabend ertönte zum Te Deum das volle Geläut der Kirche, ebenso wie zum Gloria am Sonntag in der Messe. Die Messe dauerte, wie die Abtsbenediktion, zweieinhalb Stunden, aber sie war sehr schön. Ich durfte wieder ministrieren – wunderbar. Zum zweiten Mal in einer Woche sangen wir die Allerheiligenlitanei, lag ein Mann ausgestreckt vor Christus auf dem Boden.
Der anschließende Empfang war wieder voller alter Bekannten.
Eine volle, aufregende und schöne Woche ging zu Ende.