Es geht weiter
Am Freitag Morgen hatten wir unsere 1. Vollversammlung. Neben verschiedenen reflektierenden und organisatorischen Punkten haben wir auch unsere Senioren gewählt.
Nachmittags hat vor der Türe bei uns ein Auto gebrannt. Das kommt wohl öfters vor, wenn jemand sein altes Auto günstig entsorgen will. Die Feuerwehr kam mit zwei Mann und ohne Atemschutz – das würde in Deutschland anders aussehen...
Außerdem haben zwei Kommilitonen ihre Backkünste spielen lassen und uns mit Apfelstrudel verwöhnt. J
Samstag, 24. September 2011, 4.53 Uhr Ortszeit: Ein Rascheln vor dem Fenster. Das Rascheln wird stärker. Regen! 5.03 Uhr: Der Spuk ist wieder vorbei.
In Haifa und Tel Aviv, also an der Küste, hatte es Berichten zufolge schon freitags geregnet.
Um 5.30 Uhr bin ich dann zum ersten Mal zu Vigil in die Kirche gegangen. Die ersten Psalmen werden zum Glück gesprochen und nicht gesungen am frühen Morgen.
Vormittags besuchte ich mit einigen Anderen die Chrysostomos-Liturgie. Das ist die sog. byzantinische Liturgie, die von den Ostkirchen (sowohl orthodoxe Kirchen wie auch katholische) gefeiert wird. P. Bernhard Maria OSB von der Abtei hier ist darin ausgebildet und feiert sie an der 6. Kreuzwegstation.
Wir kamen um 9.30 Uhr an. Zu dieser Zeit hörte P. Bernhard Maria noch Beichte. Dies geschieht im Nebeneinanderstehen von Priester und Gläubigem (also auf Augenhöhe), wobei das lange Gewand des Priesters auch den Kopf des Beichtenden bedeckt. Währenddessen bekamen wir eine Einführung von einer Schwester und danach auch vom Pater selbst noch kurz. Die Liturgie begann, sobald keiner mehr beichten wollte. Sie wurde auf deutsch, russisch, hebräisch und kirchenslawisch gefeiert, sodass jeder der Anwesenden Teile in seiner Sprache hatte.
Die Liturgie ist sehr ausdrucksstark – eine reiche Symbolik, viele Elemente (exemplarisch sei ein Friedenssegen vor dem Evangelium genannt), ein oft ruhiger Gesang, wunderschöne, ausdrucksstarke Texte, viele Gebete. Der Priester steht fast die ganze Zeit hinter der (in diesem Fall aus Marmor bestehenden) Ikonostase, die den Altarbereich fast komplett abtrennt, und mit dem Rücken zum Volk und spricht die Gebete manchmal während des Gesangs der Kantoren (es gibt nur feste Texte, die Gemeinde singt mit, so gut sie kann).
P. Bernhard Maria erwähnte in den Gebeten sowohl den Heiligen Vater als auch den Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel und beide, griechischen und lateinischen, Patriarchen von Jerusalem. Den „Ambo“ für das Evangelium bildeten zwei erwachsene Männer, die ihre Köpfe senkten, eine Familie kniete rundherum.
Die Gemeinde sitzt nicht ganz so statisch wie in katholischen Messen. Erstens steht man die allermeiste Zeit, zweitens kann man umhergehen, Kinder spielten mit Kerzen währenddessen oder beteten an einer Ikone. Die Messe läuft auch ohne die Gemeinde gut ab.
Die Gläubigen dieses Ritus fasten seit dem Abend vor der Messe komplett, deshalb gibt es hinterher ein Frühstück für alle.
Im Laden der Schwestern unterhalb der Kirche trafen wir noch eine Schwester, die Ikonen reproduziert – sie kommt aus Düsseldorf!
Abends kamen evangelische Lehramtsstudenten aus Landau mit ihrem Prof. Tilly, der bei uns in der Auswahlkommission saß und auch noch eine Vorlesung hier halten wird, zu uns. Als Prof. Tilly erfuhr, dass es hier auch Verbindungsstudenten gibt (er selbst ist auch einer), schlug er scherzhaft eine Kneipe (eine urstudentische Veranstaltungsform) vor.
Am Sonntag Abend war ich mit 4 anderen zum Abendessen bei den Mönchen eingeladen (jeden Sonntag dürfen 5 von uns dahin). Zum Essen gab es Tischmusik, danahc wurde gemeinsam aufgeräumt und dann bis zur Komplet Rekreation im Hof betrieben. Pater Prior Basilius spielte mit uns das „Lustige Spiel Reste trinken“. So war die Auswahl groß und ich konnte zufällig sogar einen Killepitsch nehmen. J Mein Düsseldorf-Kalender zeigt diesen Monat ein Bild vom Uerige in der Altstadt – hach...
Mit PP. Basilius kam ich über neue Gemeindestrukturen und Gründe für den Rückgang der Gläubigenzahlen ins Gespräch. Er machte mich darauf aufmerksam, dass vor jeder Diskussion über Kirche erst einmal der Raum für Gottesbegegnung geschaffen werden muss. Das geht wohl vorwiegend durch persönliches Zeugnis. Das hatte ich über aller Reflexion über die Sakramentalität der Kirche verdrängt. Vielleicht ist die Situation ein wenig mit der um 1200 vergleichbar, als die Gläubigen verunsichert waren (Autoritätsstreit zwischen Papst und Kaiser) und sich neuen Gegebenheiten stellen mussten (die neue, scholastische Theologie, Mobilität etc.). Da schafften es die dann gegründeten Bettelorden durch ihre Ausrichtung auf die Stadt und die Gläubigen besser, diese zu erreichen und Wirkung zu entfalten als die alten monastischen Orden, die ihrem Kloster verhaftet waren und der Weltklerus, der erlahmt war.
Am Montag bekamen wir eine Führung durch die Davidsstadt von einem ihrer Ausgräber. Hier finden sich Spuren aus der Anfangszeit Jerusalems, noch vor der angeblichen Eroberung durch König David um 1000 v.Chr..
Am Montag Abend war dann Avital Ben-Chorin, die Witwe des Theologen und Begründer des Reformjudentums Shalom Ben-Chorin, bei uns zu Gast. Sie wurde als Kind 1936 von Deutschland nach Israel geschickt und erzählte von ihren 75 Jahren Erfahrung in Israel: Von den Unruhen in der Mandatszeit, von ruhigen Kriegsjahren von der Freude über die angestrebte Zweistaatenlösung 1947 (immerhin sollten die Juden einen Staat bekommen), von dem Leben im belagerten Jerusalem 1948, vom völlig überraschenden Beginn des Sechstagekrieges 1967 und von den großen Emotionen, als die Jerusalemer Altstadt und der Tempelberg wieder in israelischer Hand war. Vom Schweigen sowohl der Deutschen als auch der jüdischen Opfer über den Holocaust nach dem Krieg, vom einerseits unproblematischen Zusammenleben mit Arabern heute, andererseits von deren politischen Radikalismus.
Der Abend wurde gemeinsam mit einer Seminargruppe der Europäischen Akademie der Wissenschaften durchgeführt mit vielen hochrangigen Personen aus Wissenschaft und Politik.
So haben wir nun überzeugte Juden sowohl der orthodoxen, als auch der konservativen, als auch der Reformrichtung gehört. Uns wurde gesagt, es sei schwierig, einen ultraorthodoxen einzuladen, da diese nicht in einem Raum sprechen wollen, in dem auch Frauen anwesend sind.
Am Sonntag ist der große Tag hier: Der neue Abt wird benediziert. Der Vorvorgänger ist bereits eingetroffen, ehemalige Studienjahrler auch.
Auch neue Professoren sind angekommen: Frau Prof. Rahner für eine systematische Einführung in die Eschatologie und Prof. Schnocks aus Münster für Altes Testament. Er hat in Bonn studiert, hatte unseren AT-Professor als mehr oder weniger Vorgesetzten (Genaues weiß ich nicht) und bei ihm hat eine Freundin gearbeitet, die dann mit mir Studentische Hilfskraft in Bonn war.
Prof. Schnocks hat von sich aus angeboten, die Texte, die wir besprechen, vorher mit uns zu übersetzen. Seit langem habe ich wieder hebräisch übersetzt, es macht mit Vokabelhilfen ja schon Spaß.