Samstag Abend in Amman: „Fortuna hat heute übrigens gewonnen“

Veröffentlicht auf von yerushalayimshelzahav

Samstag Abend in Amman: „Fortuna hat heute übrigens gewonnen“
Am Wochenende unternahm ich mit einer Kommilitonin einen Trip nach Jordanien. Seit dem Friedensvertrag mit Jordanien 1994 ist dies möglich. Das in der Überschrift genannte Zitat stammt von Niklas aus Düsseldorf-Unterrath, den ich 10 Minuten vorher auf einer Party kennengelernt hatte,gemeint ist Fortuna Düsseldorf. Es stellt ganz sicher nicht den Höhepunkt der Tour dar, zeigt aber, wie sie voller Abenteuer, Kuriositäten und Überraschungen war. Aber der Reihe nach...
Am Freitag Morgen fuhren wir in Jerusalem im Schneesturm los. Mit dem Bus ging es in 5h nach Eilat am Roten Meer im 4 Länder-Eck Ägypten, Israel, Jordanien, Saudi-Arabien zur Grenze. Die meiste Zeit fuhr der Bus auf schnurgeraden Straßen durch die Weite des Nichts des Jordangrabens, welche sich in der Entfernung in die vom Südwind scharf geschnittene Berge verliert. Im Radio des Busfahrers spielen sie italienisch anmutenden hebräischen Rock. Auf Straßenschildern wird vor Kamelwechsel (entsprechend dem deutschen Wildwechsel) gewarnt. Von der Busstation teilen wir uns mit zwei anderen deutschsprachigen Backpackerinnen das Taxi zur Grenze. Sie sind auf der Suche nach Sonne hierhin gekommen. „Ihr seid schon mehr als 6 Monate in Jerusalem? Oh, wow.“ Das hören wir noch diverse Male in den nächsten Tagen.
Die Ausreise aus Israel und die Einreise in Jordanien folgen auch einem Zeremoniell, das beschrieben werden muss: Pass zeigen, Ausreisegebühr bei einem Geldwechsler bezahlen (98 NIS (New Israeli Sheqel) + 5 NIS Gebühr für den Geldwechsler), Visum und Quittung der Ausreisegebühr vorzeigen und Ausreisestempel bekommen, dabei hoffen, dass sie verstehen, was ein Studentenvisum ist. Zwei Kommilitonen 4h vor uns an der Grenze hatten kein Glück und ihr Visum für Israel wurde ungültig gemacht, Gründe unbekannt. Sie kamen auch nicht nach Petra, weil die Straßen wegen Schneefalls gesperrt warten. Weiter gehen, der Fußgängerweg nach Jordanien ist auch als solcher ausgeschildert. Die Quittung der Ausreisegebühr wird wie bei Kassen im Supermarkt gescannt und wir werden durchgelassen. Im Niemandsland sind rechts und links von uns Minenfelder. An der jordanischen Grenze werden wir willkommen geheißen, auch ein Bild des Königs grüßt uns, und der Beamte gibt noch Kommentare zu unseren Namen ab. Dann wird unser Gepäck wie an deutschen Flughäfen bei der Handgepäckkontrolle geschoben und wir holen uns unsere Einreisestempel ohne Probleme. Hinter der Grenze stehen etliche Taxen bereit. Ein dubioser „Vermittler“, der uns angeblich im Auftrag der Regierung vor zu hohen Taxipreisen schützt, bietet uns ein Taxi für 60 Jordanische Denar (1 JD = 0,95 Euro)an. Das ist uns zu viel, also geht er auf 55 JD, den Preis, den die Regierung festgesetzt habe. Auch die Tourismuspolizei bestätigt dies. Trotzdem bekommen wir dann nach langem Hin und Her ein Taxi für 50 JD. Autofahren in Jordanien ist anders. Fahrstreifen dienen der Orientierung, 7 Personen in einem Fünfsitzer sind kein Problem, Lkw-Rennen den Berg hoch ebenso wenig. Der Fahrer, Hussein, war nett, erzählte, dass er für 18h pro Tag nur 10 JD bekäme (das ist natürlich nicht zu überprüfen) und erklärte uns ein wenig die Landschaft, z.B. das bekannte Wadi Rum. Auch auf die schneebedeckten Gipfel der Berge wies er. Leider mussten auch wir über diese Berge drüber... Es wird eisig, Schnee fällt, der Wind pfeift über die Hochebene, auf welcher wir stehen. Das letzte Mal hat Jordanien vor 6 Jahren Schnee gesehen, sodass keiner dafür ausgerüstet ist. Das Anfahren gelingt erst nach 15 Minuten, dann geht es über den Schotter neben der Teerstrecke weiter. Wir rutschen und fahren weiter. Ein Taxi kommt uns entgegen. Die beiden Fahrer diskutieren, dann stellt unser Fahrer uns den anderen als seinen Cousin vor (Araber sind grundsätzlich mindestens Cousins, wenn nicht gar Brüder). Jener „Cousin“, Ibrahim, kehrt um und nimmt uns mit bis nach Petra, in unser Taxi steigen die Passagiere aus dem anderen Taxi. Nun wird die Fahrt entspannter, denn das Auto ist größer und besser in Schuss. Der neue Fahrer fragt uns, wo wir hin müssen. Der Besitzer ist angeblich sein Cousin. Als wir erzählen, dass wir am nächsten Tag weiter nach Amman wollen um eine Freundin meiner Kommilitonin zu besuchen, versteht er zwar nicht, was sie arbeitet, aber er meint sie schon getroffen zu haben. Und natürlich bietet er sich als ehrlicher Mann an, uns nach Amman zu fahren. Aber wir haben schon einen Bus reserviert. Von der verschneiten Hochebene haben wir auch den Blick in tieferliegende Gebiete. Dort scheint die Sonne und ein Sandsturm tobt. In Petra angekommen (9h 15 Min waren wir insgesamt unterwegs) werden wir freundlich empfangen. Das Zimmer ist sauber, wenn auch spartanisch. Die Kleiderleiste fällt runter, sobald man sie berührt. Der sehr nette Besitzer empfiehlt uns nach Little Petra zu fahren, der Handelsstation der Nabatäerhauptstadt Petra. Da wenig Touristen in Jordanien sind (Sauwetter, „arabischer Frühling“ in den Nachbarländern), wartet der Fahrer umsonst eine Stunde auf uns. Hier bekommen wir einen Vorgeschmack auf die großartigen Bauten, die wir am nächsten Tag sehen sollen. Als wir heimkehren, erzählt der Besitzer von seinem Großvater, der mit acht Frauen verheiratet gewesen sei (aber immer nur 4 gleichzeitig, alles „im Rahmen“!) und 21 Kinder zeugte, sodass der Besitzer über 100 Cousins hat. Das kann man ihm auch wirklich abnehmen. Wir bekommen einen Elektroheizer für unser Zimmer, denn wir sind die einzigen Gäste und er möchte dafür nicht die Heizungsanlage anstellen. Morgens macht sein Sohn, der auf einer Matratze im Foyer geschlafen hat, uns im Jogginganzug Frühstück. Mit dem Besitzer vereinbaren wir, dass wir um 15 Uhr am Eingang der Felsenstadt stehen und er uns unser Gepäck dorthin bringt, gratis, sehr freundlich. Dies alles schreibe ich, um zu zeigen, wie es in einem arabischen Land zugeht. Aber es geht noch weiter.
Am nächsten Morgen brechen wir in leichtem Regen und dickem Nebel in die Felsenstadt Petra, die ehemalige Hauptstadt des Nabatäerreiches, auf. Da wir keine jordanischen Studenten sind, zahlen wir 50 JD Eintritt (für Leute, die nicht in Jordanien übernachten, beträgt das Eintrittsgeld 90 JD). Direkt am Eingang bekommen wir Pferde-, Esel-, Kamelritte und Kutschfahrten angeboten, das wird uns noch ca. 50 Mal an diesem Tag passieren. Es geht erst 2km durch das Wadi Musa (hier soll Moses Quellen aus dem Fels geschlagen haben), eine enge Schlucht. Dann stehen wir vor dem Schatzhaus. Eine 40m hohe und 25m breite Fassade von einem Grab. Sie ist komplett aus dem Felsen gehauen, beinhaltet Kapitelle und Säulen, Türme und Verzierungen. Von dieser Art werden wir noch viele sehen, außerdem immer wieder Höhlen, kleinere Anlagen, ein Theater... Beduinenkinder wollen uns etwas verkaufen oder fragen nach einem Keks, für den sie auch wirklich dankbar sind. Den Weg säumen in regelmäßigen Abständen Beduinenstände, die von „Original-Fundstücken“ über Schmuck bis hin zu besonders schönen, aufgesammelten Steinen alles anbieten und jeden Vorbeikommenden ansprechen. Einer bietet mir für meine Kommilitonin 10 Kamele. Es ist manchmal eine kleine Kraxelei durch das Gelände. Auf zwei Berge steigen wir hinauf. Auf dem einen befand sich ein Opferplatz, auf dem anderen das sog. „Kloster“, was eigentlich auch ein Grab war und später christliche Nutzung erfuhr. Die Landschaft des Wadi Musa mit seinen braun-rötlichen Felsen, die teils zackig, teils rund gewaschen sind, ist atemberaubend. Dazu noch der Schnee auf weiter entfernten Gipfel. Irgendwann lässt sich auch die Sonne blicken. Es ist einziges „Oh“ und „wow“ an diesem Tag. Auch eine Gruppe anderer Kommilitonen treffen wir hier.
Um 15 Uhr sind wir zurück am Eingang und erwarten unser Gepäck, welches auch kommt. Wie zufällig steht Ibrahim dort und erklärt uns, es fahre kein Bus nach Amman. Wir fragen nach und tatsächlich konnte der Bus aus Amman nicht kommen, weil die Straße wegen Schnees gesperrt war. Wir sprechen die Tourismuspolizei an und was folgt, ist typisch orientalisch: Sie nehmen uns in ihrem Auto quer durch Petra mit auf die Suche nach einer anderen Gelegenheit nach Amman zu kommen, reden mit Touristenbussen, bieten uns freie Unterkunft für die Nacht an, stoppen Autos und versuchen uns zu vermitteln. Letztlich landen wir mit einem spanischen Pärchen in einem Taxi, welches uns in die nächste Stadt bringt, damit wir von dort einen Bus nehmen können. Ibrahim ist wütend, denn er meint, wir hätten bei ihm schon reserviert gehabt. Unser Taxifahrer, der bemüht ist und um unser beschränktes Budget weiß, telefoniert und sagt plötzlich „I’ve changed my mind. I take you to Amman for 40 JD (ein guter Preis).” Sein Bruder sei auf dem Weg von Amman nach Petra, und nach ein paar Kilometern durch Schnee und am Rand stehende Autos, deren Insassen im Schnee toben, wechseln wir das Taxi. Sein „Bruder“ nimmt uns mit nach Amman, das erste Taxi fährt nach Petra zurück, so kommen wir einfach nach Amman und er hat keine Leerfahrt. Wir fahren 200 km hauptsächlich durch Wüste, immer geradeaus. Jordanische Autobahnen haben die Eigenart, dass von Zeit zu Zeit Hubbel eingebaut sind (wie in 30er-Zonen in Deutschland), um zum Bremsen zu zwingen. Außerdem gibt es die Möglichkeit, auf die Gegenfahrbahn zu wechseln, was ein Problem wird, wenn ein 40-Tonner dieses Manöver ausführt und dabei die ganze Fahrbahn blockiert. Taxi- und Busfahren ist im Orient prinzipiell sehr günstig (wenn man nicht in die Touristenfalle gerät), bei Benzinpreisen unter 1€/l aber auch kein Wunder; in Israel kommt hinzu, dass man, um das Land zusammenzuhalten den Transport über weite Strecken günstig halten muss. Dafür ist wegen der Rohstoffknappheit alles andere teuer. Wir sind mit Nora, einer Freundin der Kommilitonin, an der Bushaltestelle verabredet. Dumm nur, dass wir nun im Taxi sitzen, nach einigem Hin und Her weiß der Taxifahrer aber, wo wir hin müssen. Wir treffen sie direkt und sie nimmt uns mit zur Geburtstagsparty einer Kollegin. Wir fahren in ein Künstlercafé, wo es selbstgekaufte Pita, Humus und Pizza gibt. Auch die obligatorische Wasserpfeife und der Tee dürfen nicht fehlen. Hier lerne ich auch eingangs erwähnten Niklas kennen, der in Amman arbeitet und mich über die deutschen Fußballergebnisse unterrichtet. Kurios, so weit weg von zu Hause... Zwei lustige Araber sind direkt Feuer und Flamme für das Thema Bundesliga. Sie erzählen aber auch davon, wie sie als Nachkommen palästinensischer Flüchtlinge in Jordanien auch nach mehr als 60 Jahren noch Fremde sind und dass sie kein Visum für die geschäftliche Reise nach Deutschland erhalten. Ein schöner, spontaner Abend! In Amman gibt es weder feste Adressen noch Heizungen, aber in 3 Schlafsäcken ließ es sich doch gut schlafen. Am nächsten Tag besuchten wir die Zitadelle im Zentrum von Amman. Die archäologischen Ausgrabungen und Ausstellungsstücke kamen uns bekannt vor von vielen anderen Orten. Von dort oben konnten wir, trotz Nebel, uns einen Überblick über Amman verschaffen. König und Nation sind sehr präsent, z.B. in einer 30x60m großen Flagge, die an einem 126m hohen Fahnenmast flattert oder einer großen, nach einem König benannten Moschee. Einige römische Relikte gibt es auch zu sehen. Ansonsten wirkt Amman einfach groß und arabisch, mit vielen Hügeln. Im Taxi haben wir es mit einem Fahrer zu tun, der ca. 10 Worte Englisch spricht, wir 20 Worte Arabisch. Wo wir hin wollen, versteht er zuerst nicht genau, erkundigt sich aber bei Fußgängern. Außerdem erklärt er auf der Straße einem Rettungswagen den Weg – Orient... Er bringt uns noch ein bisschen Arabisch bei und wir ihm, dass „ten ten“ „twenty“ heißt, worauf er dann sichtlich stolz ist. Sogar auf Arabisch können wir ihm grundlegende Dinge, wie z.B. dass wir am Vortag in Petra waren, erklären.  Und auch Kirchenglocken hören wir läuten, in einem arabischen Land keine Selbstverständlichkeit. Die Verkehrspolizisten tragen hier noch Pickelhauben, wie die alen Preußen.
Den Rückweg nehmen wir über die King-Hussein-Bridge nördlich des Toten Meeres, fast auf Höhe von Jerusalem, in Angriff. Als wir aus dem Taxi aussteigen, sind wir direkt von nach Essen bettelnden Kindern umringt. Dann beginnt die Einreiseprozedur nach Israel: In Jordanien 8 JD Ausreisegebühr zahlen, Pass vorzeigen, Ausreisestempel erhalten, den Pass sehen wir längere Zeit nicht. Wir müssen warten, bis genug Leute für einen Bus beisammen sind, der uns durch das Niemandsland zur israelischen Grenzstation fährt. Nach einer Stunde, in der sich nicht sonderlich viele Menschen angesammelt haben, uns aber ein französischer Araber die Geschichte des Islam referiert, heißt es auf einmal, dass es losgeht. Im Bus erhalten wir unsere Pässe zurück. Der Bus kostet natürlich, Gepäck sogar zusätzlich. Zwei deutsche Diplomaten sitzen im Bus, deshalb fährt er auch schon halb voll und erhält an der israelischen Grenze sogar Vorrang vor den anderen, schon wartenden Bussen. Dann beginnt die Prozedur auf israelischer Seite: Pass vorzeigen und Sicherheitsstufe erhalten, als Deutsche gelten wir als relativ ungefährlich. Pass vorzeigen und durch die Sicherheitsschleuse gehen. Dahinter sind Grenzer fleißig dabei, Gepäckstücke und Kartons aufzureißen und durchzusehen, unser Gepäck geht aber ohne größere Sichtung durch. Dann der Schalter, an dem man den Einreisestempel bekommt. Lange Durchsicht der Pässe, ob ich einen zweiten Reisepass habe, fragt man mich. Nein, habe ich nicht. Nagut, ich bekomme den Stempel. Hinter dem Schalter nochmals, zum vierten Mal den Pass vorzeigen, dann haben wir nach 2,5h die Aus- und Einreiseprozedur hinter uns gebracht. Hinter dem Einreiseschalter sehe ich, wie israelische Grenzer die Koffer einer Muslima mit einem 3jährigen Kind peinlich genau in aller Öffentlichkeit auseinandernehmen und auf sicherheitsrelevante Elemente prüfen. In einem Sammeltaxi geht es dann nach Ost-Jerusalem, von dort zu Fuß durch die Suqs nach Hause. Nach 60h kommen wir wohlbehalten und voller schöner Eindrücke wieder an.

Fotos gibt's hier:

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