Thursday, 10. may 2012 4 10 /05 /Mai /2012 18:34

Nun bin ich seit einem Monat wieder in deutschen Landen, Jerusalem wirkt weit weg, aber in den vergangenen Wochen bin ich doch noch verschiedene Male auf meine Zeit im Heiligen Land gestoßen worden:

Beim Anschauen eines Buches über das Heilige Land kannte ich, logischerweise, viele Stätten aus eigener Anschauung.

Ein anderes Mal sah ich ein Bild vom Vorhof der Grabeskirche, dies war so vertraut.

Mit der Verbindung besuchten wir einen Alten Herrn, der Zisterzienser ist. Hier konnte ich wieder am monastischen Stundengebet teilnehmen, das bei Zisterziensern etwas schlichter gehalten ist.

Bei einer Veranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung über den arabischen Frühling sprachen wir auch über Palästinenser und Israel.

All dies sehe und höre ich jetzt aus ganz anderer Perspektive.

Um das Fehlen eines Klosters „nebenan“ zu kompensieren, eignet sich die Übertragung des Chorgebetes aus der Erzabtei St. Ottilien (http://www.erzabtei.de/erzabteilive).

Gemeindemessen haben viel Gesang, auch viele Lieder, die nur bedingt zur Liturgie passen, fällt mir nun auf, da ich lange Zeit anderes erlebt habe. Auch die Nachlässigkeiten, die mit den sog. „pastoralen“ Notwendigkeiten begründet werden, fallen mir noch mehr auf, sodass ich mich dort nicht mehr heimisch fühle.

Im Prinzip alle, darunter viele, von denen ich es nicht erwarte, mit denen ich über meine ökumenischen Erfahrungen aus Jerusalem rede, bringen zum Ausdruck, dass sie „Kuschelökumene“ als wenig sinnvoll und unzeitgemäß erachten.

Außerdem ist es in Deutschland viel länger hell, daran habe ich mich immer noch nicht wieder gewöhnt.

 

Nun ist der Blog wohl an seinem Ende angelangt. Ich studiere in Bonn weiter, bin in den alten Kreisen zu finden, lebe mein Studentenleben. Allerdings habe ich auf Vieles einen anderen Blick bekommen; ich weiß, dass es so, wie es hier ist, nicht selbstverständlich ist, dass Einiges besser, Vieles aber auch schlechter sein kann.

Der Blog hat mir geholfen, meine Erlebnisse festzuhalten und zu teilen. Meine Sinne für das Nicht-Normale sind geschärft worden - oft denke ich in diesen Tagen noch, wenn ich etwas Schönes oder Außergewöhnliches erlebe, ich müsse es in den Blog schreiben.

Es hat mir Freude gemacht, den Blog zu schreiben (128 Seiten) und Euch, lieben Lesern, durch viele kleine Erlebnisse zwischendurch, die ich festgehalten habe, hoffentlich einen Eindruck vom Heiligen Land, von Jerusalem, vom Studienprogramm und von den Gedanken eines katholischen Theologiestudenten heute zu geben.

 

In den nächsten zwei Monaten werde ich zwei Mal in Bonn vor Publikum von meinen Erlebnissen berichten und dabei natürlich auch Fotos (insgesamt habe ich 4647) zeigen, wer interessiert ist, möge sich melden.


Adieu!

von yerushalayimshelzahav
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Thursday, 10. may 2012 4 10 /05 /Mai /2012 18:34

Nun bin ich seit einem Monat wieder in deutschen Landen, Jerusalem wirkt weit weg, aber in den vergangenen Wochen bin ich doch noch verschiedene Male auf meine Zeit im Heiligen Land gestoßen worden:

Beim Anschauen eines Buches über das Heilige Land kannte ich, logischerweise, viele Stätten aus eigener Anschauung.

Ein anderes Mal sah ich ein Bild vom Vorhof der Grabeskirche, dies war so vertraut.

Mit der Verbindung besuchten wir einen Alten Herrn, der Zisterzienser ist. Hier konnte ich wieder am monastischen Stundengebet teilnehmen, das bei Zisterziensern etwas schlichter gehalten ist.

Bei einer Veranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung über den arabischen Frühling sprachen wir auch über Palästinenser und Israel.

All dies sehe und höre ich jetzt aus ganz anderer Perspektive.

Um das Fehlen eines Klosters „nebenan“ zu kompensieren, eignet sich die Übertragung des Chorgebetes aus der Erzabtei St. Ottilien (http://www.erzabtei.de/erzabteilive).

Gemeindemessen haben viel Gesang, auch viele Lieder, die nur bedingt zur Liturgie passen, fällt mir nun auf, da ich lange Zeit anderes erlebt habe. Auch die Nachlässigkeiten, die mit den sog. „pastoralen“ Notwendigkeiten begründet werden, fallen mir noch mehr auf, sodass ich mich dort nicht mehr heimisch fühle.

Im Prinzip alle, darunter viele, von denen ich es nicht erwarte, mit denen ich über meine ökumenischen Erfahrungen aus Jerusalem rede, bringen zum Ausdruck, dass sie „Kuschelökumene“ als wenig sinnvoll und unzeitgemäß erachten.

Außerdem ist es in Deutschland viel länger hell, daran habe ich mich immer noch nicht wieder gewöhnt.

 

Nun ist der Blog wohl an seinem Ende angelangt. Ich studiere in Bonn weiter, bin in den alten Kreisen zu finden, lebe mein Studentenleben. Allerdings habe ich auf Vieles einen anderen Blick bekommen; ich weiß, dass es so, wie es hier ist, nicht selbstverständlich ist, dass Einiges besser, Vieles aber auch schlechter sein kann.

Der Blog hat mir geholfen, meine Erlebnisse festzuhalten und zu teilen. Meine Sinne für das Nicht-Normale sind geschärft worden - oft denke ich in diesen Tagen noch, wenn ich etwas Schönes oder Außergewöhnliches erlebe, ich müsse es in den Blog schreiben.

Es hat mir Freude gemacht, den Blog zu schreiben und Euch, lieben Lesern, durch viele kleine Erlebnisse zwischendurch, die ich festgehalten habe, hoffentlich einen Eindruck vom Heiligen Land, von Jerusalem, vom Studienprogramm und von den Gedanken eines katholischen Theologiestudenten heute zu geben.

 

In den nächsten zwei Monaten werde ich zwei Mal in Bonn vor Publikum von meinen Erlebnissen berichten und dabei natürlich auch Fotos zeigen, wer interessiert ist, möge sich melden.


Adieu!

von yerushalayimshelzahav
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Monday, 16. april 2012 1 16 /04 /Apr. /2012 18:15

Eine Zusammenfassung, die ich für uninformierte Leserschaft schrieb, möchte ich Euch nicht vorenthalten:

Vom 15. August bis zum 15. April verbrachte ich acht Monate in Jerusalem an der Dormitio Abtei auf dem Berg Zion im Programm „Theologisches Studienjahr“ (www.studienjahr.de), welches vom DAAD gefördert wird. In einem zweistufigen Bewerbungsverfahren, in dem neben guten Kenntnissen in den biblischen Wissenschaften auch Kenntnisse in Judentum, Islam und Ostkirchenkunde abgeprüft werden, werden jedes Jahr 20 Theologiestudenten aus dem deutschsprachigen Raum ausgewählt. Leben und Studium spielen sich im Gästehaus der Abtei ab, der Kontakt zur Abtei besteht über die Möglichkeit, am Chorgebet und den heiligen Messen teilzunehmen und gemeinsame Abende. Die Abtei wurde um 1900 von deutschen Benediktinern gegründet (www.dormitio.net).

 

 

Studienprogramm und Studium

In den acht Monaten arbeitet man den Stoff von zwei Semestern durch und geht auf drei Exkursionen (10 Tage im Sinai, zwei Wochen archäologische Stätten (4000v.-700 n.Chr.) in Galiläa, eine Woche Kreuzfahrerexkursion ebenfalls vorwiegend in Galiläa, dort wohnt man im Priorat der Abtei in Tabgha direkt am See Genezareth).

Der Schwerpunkt liegt auf biblischen und archäologischen Fächern, sodass man nicht alle Vorlesungen, die man an der Heimatuniversität hören würde, hier finden kann. Die Veranstaltungen finden in Blöcken statt, die Professoren, in aller Regel deutschsprachige und dem progressiven Lager zuzurechnen, kommen für zwei bis drei Wochen aus Deutschland ins Beit Josef und leben dort auch mit, sodass ein enger Kontakt entsteht. Viele der Professoren waren auch im Studienjahr während ihres Studiums. Es herrscht bei jeder einzelnen Stunde Anwesenheitspflicht.

Im Laufe des Jahres muss man in den Bereichen Altes Testament, Neues Testament, Judentum/Islam, Liturgie/Systematik/Ostkirchenkunde und Archäologie mindestens eine Prüfung absolvieren. Die Professoren sind sich dessen bewusst, dass es schwer möglich ist, den ganzen Vorlesungsstoff direkt nach Ende der Vorlesung gelernt zu haben und passen ihre Anforderungen dementsprechend an.

Jeder Student übernimmt im Laufe des Studienjahres zwei Referate zu biblischen oder kulturellen Themen.

Auf den wöchentlichen Tagesexkursionen zu archäologischen Orten (z.B. Jericho – hier führte ich selber durch die alttestamentliche Stadt, Davidsstadt), öffentlichen Einrichtungen (Yad VaShem, Hebrew University), Orten der Kriege des Nahostkonflikts u.Ä. bekamen wir ausführliche Führungen von sehr kompetenten und involvierten Führern (z.B. von einem Ausgräber der Davidsstadt oder von einer deutschen Mitarbeiterin von Yad VaShem, die auch das Theologische Studienjahr absolvierte) und lernten so alles genauestens kennen. Die intensive Beschäftigung mit Archäologie und ihren Methoden war interessant und nützlich, gerade auch in ihren Konsequenzen für die biblischen Wissenschaften, in denen ich eine gründliche Fundierung und Weiterbildung erfuhr.

Neben interreligiösen Veranstaltungen beschäftigten wir uns auch mit den christlichen Ostkirchen und bekamen durch zwei Mönche, die im ökumenischen Dialog engagiert sind, die Möglichkeit, drei östliche Patriarchen in Jerusalem zu besuchen.

Unser Jahresthema war „Eschatologie“. Dieses beleuchteten wir in den Vorlesungen aus vielen Blickwinkeln: Liturgisch, biblisch, kirchengeschichtlich, muslimisch.

In das Gemeinschaftsleben brachte ich mich neben den festen Aufgaben durch die Mitarbeit im Redaktionsteam des Abschlussberichtes ein. Wir wurden kreativ und gestalteten die Schrift anhand der Bitten des Vater Unsers, unter die wir die verschiedenen Aspekte des Jahres gruppierten.

Das Leben in der Gemeinschaft von 24 Menschen (21 Studierende, Studiendekanin, zwei Studienassistenten) bot natürlich Stoff für Spannungen, die es zu überwinden galt.

Als Bibliotheken standen uns die kleine, aber feine deuschsprachige Bibliothek des Klosters sowie die weltberühmte École biblique et archéologique francaise der Dominikaner zur Verfügung.

 

 

Geistliches

Durch das Mitleben an der Abtei und viele andere Klosterbesuche bekam ich Einblicke in das monastische Leben. Hervorzuheben sind drei Ewige Professen sowie die Benediktion des neu gewählten Abtes, bei welchen ich ministrieren durfte.

Ich konnte zu verschiedenen Gottesdiensten verschiedener christlicher Konfessionen (wir fuhren z.B. auf ein monastisches Wochenende, auf dem wir drei Klöster besuchten), in denen ich erlebte, wie andere Kulturen und verschiedene Orden Liturgie feiern. Hier wurde Weltkirche spürbar und ich merkte, welche Ungereimtheiten und Probleme besonders bzgl. der Liturgie typisch deutsche Phänomene sind. Jeder konnte Vieles ausprobieren, Neues kennenlernen und sich auch neue liturgische und geistliche Heimaten suchen.

Mir wurde der Wert des Stundengebets als kraftgebendes Gebet für den Tag nochmal bewusster als vorher, außerdem habe ich die Stille der Klöster sehr schätzen gelernt. Hierzu trugen auch Wüstenerfahrungen bei, die wir machten.

Besondere Erlebnisse im Gang des Kirchenjahres waren natürlich die Hochfeste der Geburt und der Auferstehung des Herrn, also Weihnachten und Ostern. In den Nächten vom 24. Auf den 25. Dezember sowie vom 6. auf den 7. Januar fuhren bzw. gingen wir nach Bethlehem, um das Weihnachtsfest der lateinischen Kirche bzw. der Ostkirchen mitzuerleben. Auch die Gebetswoche für die Einheit der Christen, die 9 Tage lang jeweils in einer anderen Kirche mit Hierarchen aller Kirchen begangen wurde, war ein Erlebnis, das man außerhalb Jerusalems nicht so schnell wiederfindet.

Das Studienjahr ist ökumenisch, d.h. auch protestantische Studenten können sich bewerben und werden gleichberechtigt ausgewählt. Das ökumenische Zusammenleben, aber auch das innerkonfessionelle, ist wegen der verschiedenen Lebenswege, Hintergründe und Denkrichtungen eine Herausforderung, man bewegt sich auf dem schmalen Grat zwischen dem Festhalten an eigenen, liebgewonnenen Traditionen und der Öffnung für den Anderen. Leitfaden stellte im Studienjahr die Konsens-Ökumene dar, d.h. man sucht Gemeinsames und Kompromisse. Dies ist allerdings manchmal unmöglich und unglücklich und bot Reibungspunkte. Durch das Zusammenleben erfuhr ich aber auch viel über verschiedene protestantische Denominationen, kannte ihre Struktur, ihre Liturgie, ihren Glauben, ihre Mentalität kennen, was für die Zukunft nur hilfreich sein kann.

Natürlich kamen viele Anfragen an den katholischen Glauben und die katholische Lehre. So reflektierte und klärte man auch seinen eigenen Standpunkt nochmal. Und mir wurde bewusst, wie unbequem es ist, authentische Kirche zu sein und Christusnachfolge zu betreiben – Religion und Kirche sind kein Selbstzweck, dies bleibt aus sich immer eine große Herausforderung und kann nie als erfüllt betrachtet werden.

Wir Studenten gestalteten für uns selbst Andachten, jeder nach seiner Spiritualität, und gestalteten auch Gottesdienste und sonstige Feierlichkeiten im Kloster mit.

Durch die Beschäftigung mit heiligen Orten weiß ich nun dass viele Orte, die hier verehrt werden, nicht die tatsächlichen Orte von biblischem Geschehen sind, sondern eher als Orte, an denen bestimmte Geschehnisse auf besondere Weise kommemoriert werden, anzusehen sind.

 

 

Interreligiöses und Interkulturelles

Auch interreligiöse und interkulturelle Erfahrungen kamen nicht zu kurz, einerseits weil einige Vorlesungen auch Judentum und Islam behandelten – darunter eine Werkwoche mit einem Professor für Islamwissenschaften und islamischen Doktoranden aus Deutschland -, andererseits durch Vorträge von Einheimischen, die wir auch selbst einladen durften, und nicht zuletzt auch durch das Leben in der so bunten und differenzierten Stadt Jerusalem.

In den Suqs, engen Einkaufsstraßen in der Altstadt, lernte ich besonders die arabische Mentalität kennen, bemerkte, dass hier nicht alles so geregelt abläuft wie in Deutschland (kein Preis, um den man nicht feilschen muss) und gewöhnte mich an Busfahrten, bei denen man nicht wusste, wie der Fahrer fährt und wie man hinterher weiterkommt. Die Araber sind aber ein hilfsbereites und spontanes Volk, die jede Situation durch irgendwelche dubiosen Kontakte lösen. Moscheen darf man hier leider nicht besuchen.

In den Begegnungen mit Juden wurde mir klar, wie kompliziert dieses Land und dieses Volk ist – Studientage zu den verschiedenen Strömungen im Judentum (quasi an jedem Kleidungsstück und jeder Handlung lässt sich die Zugehörigkeit ablesen), die verschiedenen Absichten der unterschiedlichen Einwanderer, das Sicherheitsproblem, die Integration von Nichtjuden in den Staat. Auch zu einem Ultraorthodoxen bekam ich Kontakt, der aber im Herzen modern ist. Ich lernte, besonders in Vorträgen von Rabbinern, die jüdische Weisheit und Erzählkunst schätzen. Neben unserem Studienhaus ist eine Jeshiva, also eine jüdische, ultraorthodoxe Religionsschule angesiedelt, die uns zu einigen Festen einlud. So kamen wir in direkten Kontakt mit Juden und erlebten ihre Gottesdienste. Der Besuch eines Kibbuz in der Negev-Wüste, in dem wir eine Nacht blieben, ließ uns die Bewohner des Landes aus einer speziellen, aber wichtigen Perspektive kennenlernen.

 

Den Nahostkonflikt behandelten wir auch auf Exkursionen und Vorträgen und wurden täglich durch die Sperrmauer zum Westjordanland, die wir von unserem Haus aus sahen, daran erinnert. Auch sahen wir zahlreiche Minenfelder in Grenzgegenden, wie man sie aus Europa nicht mehr kennt. Ich erfuhr als Deutscher keine spezielle Ablehnung, als westlicher Mensch ist man aber in manchen arabischen Gegenden nicht willkommen, merkte ich, auch wenn manche gerade die Deutschen mögen wegen ihres angeblichen Judenhasses.

In diesem Land, in dem Christen weniger als 5% der Bevölkerung ausmachen, fühlt man sich jedem Christen direkt verbunden, während in Mitteleuropa nicht einmal der Zusammenhalt innerhalb der Konfessionen stark ist.

 

Nahe an der Altstadt von Jerusalem zu wohnen, ist ein großes Privileg, und es dauert lange, bis man sich an diese turbulente Stadt gewöhnt hat. Auch, wenn man sich irgendwann heimisch fühlt, erlebt man immer wieder kuriose Dinge und entdeckt neue Ecken und kann zu verschiedenen Zeiten verschiedene Eindrücke sammeln. Jerusalem ist eine spannungsreiche Stadt. Nicht nur die große Präsenz von Sicherheitskräften, sondern auch das Nebeneinander verschiedener religiöser, kultureller und politischer Fraktionen machte den Aufenthalt zu einer sehr intensiven Zeit.

Der Leiter des Israel-Auslandsbüros der KAS, Michael Mertes, initiierte eine Runde von Altstipendiaten, die in Israel wohnen. So bekam ich auch dort Anschluss und lernte interessante Personen aus Kirche und Politik kennen, die von ihren teils langjährigen Erfahrungen im Heiligen Land berichten konnten.

Außerdem leistete ich ein Sozialpraktikum in Emmaus-Qubeibe in der Westbank ab. Salvatorianerinnen aus dem deutschen Sprachraum betreuen dort ca. 20 alte und/oder behinderte Frauen, die von ihren Familien verstoßen wurden und teilweise in Höhlen wohnen mussten. In einer Schule werden hier junge Araberinnen in der Altenpflege praktisch ausgebildet. Ich half bei der Betreuung und widmete mich vor allem der geselligen Unterhaltung mit den Patientinnen, da diese sonst oft zu kurz kommt. Hier merkte ich, wie wichtig der persönliche Einsatz ist und habe auch mehr verstanden, was Mission heute heißt: Das Reich Gottes aufbauen und ausbreiten, und dies geschieht durch persönliches Engagement besonders in der Nächstenliebe, auch in der institutionalisierten.

 

In den Weihnachtsferien fuhr ich für einige Tage nach Akko. Die kleine Kreuzfahrerstadt ist ruhig und schön auf einer Landzunge gelegen. Der Tagesausflug in die größere Stadt Haifa, in der ich unter anderem die Bahai-Gärten besichtigte, war auch sehr lohnenswert.

 

Am schönsten waren die kleinen, spontanen und überraschenden Erfahrungen und Begegnungen zwischendurch: Sei es ein Rabbiner, der einem eine Friedenskerze schenkt, seien es Schwestern, die nach der Messe uns jungen Messbesuchern Marienmedaillen geben.

 

Ich bekam in den acht Monaten, die ich in Israel verbrachte, sehr interessante und wertvolle Einblicke in verschiedenste Bereiche des theologischen, geistlichen, sozialen und politischen Lebens. Die Institution des Studienjahres öffnet einem so manche Tür, die sonst verschlossen bliebe. Dies, und auch die Abwesenheit vom vertrauten Zuhause, trug zu meiner persönlichen, geistlichten und theologischen Weiterbildung und –entwicklung bei und so habe ich einen reichen Schatz an Wissen und Erfahrungen angesammelt, aus dem ich auch zum Wohle anderer gerne schöpfen werde.

von yerushalayimshelzahav
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Saturday, 14. april 2012 6 14 /04 /Apr. /2012 19:59

Nun ist das Studienjahr zu Ende, ich bin wieder in heimischen Gefilden. Mein Fazit: Es hat sich gelohnt!

Wenn ich mir nochmal auf der Zunge zergehen lässt, was ich erlebt habe, dann kann ich mich glücklich schätzen, diese Erfahrungen gemacht haben zu dürfen, und es war völlig verrückt: Ich lebte in Jerusalem, der heiligen Stadt der drei großen monotheistischen Weltreligionen, empfand nichts als normaler als die Mauern der Jerusalemer Altstadt zu betreten, gewöhnte mich an die Allgegenwart von Soldaten und Katzen, überhörte aus Gewohnheit den Muezzin-Ruf, ging in die Grabeskirche und zur Klagemauer, so oft und wann ich wollte, besichtigte Felsendom und Al-Aqsa-Moschee, feierte fast wöchentlich immer neue Liturgien in den verschiedensten Sprachen und Riten mit, traf Kirchenhierarchen, wohnte auf dem Berg Zion, vier Häuser neben dem Abendmahlssaal, lebte an einer Benediktinerabtei mit und bekam Einblicke in das monastische Leben, sah unglaublich viele Stätten von biblischer und/oder christlicher Bedeutung, bekam sehr gute Führungen, lebte und studierte mit 13 protestantischen Theologiestudenten unter einem Dach, die in allen Bereichen sehr unterschiedlich ticken, erlebte Weihnachten und Ostern „vor Ort“, bewegte mich und feierte sowohl in jüdischem als auch muslimisch-arabischen Kontext, aß und trank mit Professoren...

Aus einer konfessionsverschiedenen Familie stammend, habe ich die Ökumene neu kennengelernt. Ich erlebte und lernte die protestantischen Traditionen. Dies war eine gute Möglichkeit und bereichernd, aber es war hier auch eine Notwendigkeit, die nicht immer leicht zu tragen und leben war. Dieser Prozess des Lernens im Zusammenleben hat in mir auch eingehende Reflexion in Gang gesetzt, sowohl über eigene Positionen als auch über die anderen Positionen. Dadurch sind mir viele traditionelle katholische Bräuche und Positionen sehr lieb geworden, aber diese können teilweise durch andere Formen und Ansichten ergänzt und befruchtet werden.

Im Moment kann ich noch nicht sagen, inwieweit mich die ökumenischen Erfahrungen prägen werden, aber sie sind ein Teil meiner lebenslangen Identitätssuche geworden.

Ich habe viele Impulse zur Lektüre und zum Verständnis der Heiligen Schrift bekommen. Dazu zählen die Kenntnis der Stätten, die wissenschaftliche Auseinandersetzung sowie die profunde Kenntnis und das intensive Verhältnis zur Schrift vor allem bei den protestantischen Kommilitonen. Besonders der synchrone Zugang zur Schrift ist mir hier in seiner Wichtigkeit bewusst geworden.

Zum Jahresthema „Eschatologie“, zu dem ich vorher keinen Bezug hatte, habe ich verschiedene Zugänge geöffnet bekommen und mein anfängliches Unbehagen über das Thema hat sich in Interesse gewandelt.

Im jüdischen Staat Israel zu leben und an der eigenen Haut die Konflikte zu spüren, hat mich aufgewühlt und die Frage nach Gerechtigkeit für die arabischen Einheimischen aufgeworfen. Darüber werde ich auch in Deutschland viel reden. Sowohl Islam als auch Judentum sind mir näher gekommen, ebenso die orientalische Lebensweise, ich weiß aber, dass ich sie nicht dauerhaft haben möchte.

Besonders werde ich die Hügel Judas vermissen, die Möglichkeit, am Chorgebet teilzunehmen, die Vielfalt an Liturgien in Jerusalem, die ich immer noch nicht alle kenne, die Sonne (auch wenn ich in einem besonders nassen und kalten Jahr hier war), die jüdischen Bäcker und noch einiges mehr, was ich im Moment nicht konkret benennen kann.

Der Gedanke, nun wieder im mehr oder weniger alltäglichen Bonn weiter zu studieren, ist sehr befremdlich. Kaum hat man sich endlich an Jerusalem gewöhnt, geht es wieder zurück in die alte Umgebung, die für mich doch nicht mehr das Gleiche ist.

von yerushalayimshelzahav
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Tuesday, 10. april 2012 2 10 /04 /Apr. /2012 21:53

In der Karwoche besuchte ein ehemaliger Dozent von mir, der selber vor 38 Jahren im 1. Studienjahr hier war, Jerusalem und die Dormitio. Als ich ihn durch unser Studienhaus führte, erklärte er mir, was damals schon so war wie heute und welche Unterschiede bestanden. Außerdem ist eine Kommilitonin aus Bonn als Volontärin hier angekommen. „Man sieht sich in Jerusalem!“

Palmsonntag: Die Messe morgens in der Dormitio war mit Pilgern überfüllt. Ergreifend war der Abendmahlsbericht, 50m vom Abendmahlssaal entfernt. Nach dem Mittagessen machten wir uns auf den Weg zum Ölberg. Um 14.30 Uhr begann die Prozession in Betphage (der aufmerksame Kirchbesucher wird es gehört haben). Das liegt auf der stadtabgewandten Seite des Ölbergs. Dort waren die Verhältnisse ein wenig wie an Karneval. Polizeistreifen laufen herum, eine charismatische Gruppe spielte Musik und tanzte, Getränke (hier vornehmlich Wasser) wurden verkauft, man wartete auf die Prozession. Dort gingen einheimische Vereine voraus, dann folgten riesige Pilgermassen, die ihrer Sprache und Spiritualität gemäß beteten (tanzen, singen, grölen, Litaneien beten), dann zum Schluss die Ordensleute und der Patriarch, von den Rittern des Heiligen Grabes zu Jerusalem und Pfadfindern beschützt. Es ging über den Ölberg hinüber ins Kidrontal, dann wieder hinauf ans Stephanstor zu St. Anna (also zum Heim der Eltern Mariens). Dort spielte eine Liveband, der Patriarch wurde begeistert empfangen. Ein bisschen war es wie am Weltjugendtag, mit all den kleinen singenden und ausgelassenen Gruppen. Die Freude des Hosianna und des Einzugs war wirklich spürbar. Der Patriarch hielt eine kurze Ansprache, dann folgte eine kurze eucharistische Anbetung (ziemlich unwürdig auf einer Wiese bei einem Pfarrfest und unaufmerksamen Leuten). Auch viele palästinensische Gemeinden waren mit Bannern gekommen, auf denen stand, wie nahe betreffende Gemeinden an Jerusalem liegen.

Am Gründonnerstag besuchte ich die Liturgie ein letztes Mal in Abu Ghosh. Nach der Messe fand ein liturgisches Mahl im Refektorium der Brüder statt. In der Dormitio bekam ich die letzten 20 Minuten der Messe mit, nachdem der Altarraum freigeräumt worden war, wurde Ps 22 („Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“) vorgelesen, dazu gingen nacheinander alle Lichter in der Kirche aus. Der Altarraum der Krypta war mit Bäumen gestaltet, wie der Garten Gethsemane. Wir machten uns auf den Weg ins reale Gethsemane. In der heillos überfüllten Kirche, in der man wieder viele bekannte Gesichter sah, war gerade die Messe mit dem Kustos zu Ende und die Gläubigen formierten sich zur Fackelprozession Richtung St. Peter in Gallicantu, wo das Gefängnis Jesu Christi lokalisiert wird und Petrus Christus verleugnet hat. Wir blieben noch in der Kirche und hatten dort eine wahre „Ölbergstunde“. Auch nach Gallicantu, das am Abhang des Zion liegt, gingen wir noch.

Am Karfreitag besuchten wir die Liturgie vom Leiden und Sterben Christi in der Dormitio. Nach der Kreuzverehrung wurde das Kreuz in ein Tuch gehüllt und in die Krypta getragen, wo ein Grab vorbereitet war und in welches der Korpus hineingelegt wurde. Der Sarg war bedeckt mit einem schwarzen Samttuch. Als wir danach durch die Gassen Jerusalems spazierten, erlebten wir zuerst noch die Grablegeliturgie der katholischen Araber mit, die den Korpus in Prozession in die Kirche hineintrugen. Dann kamen wir zufällig bei den Melkiten vorbei, als deren Prozession mit dem Erzbischof gerade in die Kirche hineinzog. In den Chorraum hatten sie ein wirklich großes Grab gebaut. Das Christentum wirkte hier im christlichen Viertel wirklich lebendig: Die Feiern des Karfreitags werden den ganzen Tag hindurch begangen, jede Gemeinde gestaltet sie nach ihren eigenen Traditionen im Rahmen der großen liturgischen Tradition.

Die Trauermetten in der Krypta der Dormitio am Karsamstag von 6- 7.15 Uhr wirkten wirklich wie eine Wache am Grab.

Die Osternacht in der Abtei begann um 3 Uhr nachts und dauerte bis 6.15 Uhr, es wurden alle sieben Lesungen des Alten Testaments der Nachtwache gelesen. Die Inszenierung war ergreifend, und das Vogelgezwitscher, das ab dem Gloria einsetzte, war ein schönes eichen für den anbrechenden Morgen. Nach der Messe gab es Osterfrühstück mit allen Messbesuchern. Nach dem Hochamt nahmen wir das Festessen ein. Die Vesper des Ostersonntags endete mit dem Friedhofsgang, bei dem den toten Brüdern die Freudenbotschaft der Auferstehung gebracht wurde.

In der Grabeskirche wurde schon am Karsamstag Morgen die Auferstehung gefeiert, denn zur Zeit, als der heute noch das Nebeneinander der Konfessionen regelnde Status quo erlassen wurde (1852), feierte die katholische Kirche die Osternacht am Karsamstag Vormittag.

Die Juden feierten ab Karfreitag das Pessach-Fest, das auch in den Evangelien in Zusammenhang mit der Kreuzigung erwähnt ist. Konkret bemerkbar machte es sich darin, dass man in allen Geschäften nur noch ungesäuertes Essen kaufen konnte und die Straßen des jüdischen Viertels und besonders die Klagemauer überlaufen waren wie bei einem Volksfest.

In der Karwoche besuchte mich meine Familie. Ich zeigte ihnen mit Freude alle wichtigen Orte und erzählte von vielen Kleinigkeiten, die sich hier abspielen, die ich erlebt habe. Dazu hatten wir grandioses Wetter – da könnte man einfach noch länger hier bleiben. Da wir auch äußerlich wie Touristen schienen, erlebte ich, wie anstrengend es sein kann, ständig von Händlern und Taxifahrern angesprochen zu werden.

Der Abschied aus Jerusalem war schwer, es ist schon Tradition geworden, dass Abfahrende von allen noch Bleibenden zum Taxi geleitet werden.

Der Rückflug gestaltete sich angenehm: Als Familie wurden wir so gut wie gar nicht kontrolliert, am Flughafen empfingen uns morgens um 5 Uhr meine Freundin und Messdienerleiter. Im Radio sprachen sie dann über das Gedicht von Grass über Israel, das Land lässt mich also nicht los.

Hier nun in Deutschland ist fast alles wie vorher (zumindest die Baustellen für die U-Bahn), nur ich sehe die Dinge anders: Die flache Landschaft mit ihren vielen Bäumen ist so anders als die karg bewachsenen Hügel Judäas, Brötchen zu essen war ein lange nicht erlebtes Vergnügen, zu Stadttoren und Chorgestühlen, wie sie teilweise auch noch hier zu finden sind, habe ich nun ein anderes Verhältnis, ein Taxi per Telefon zu bestellen und nach Taxameter zu bezahlen, war ganz ungewohnt, an einem Laden mit arabischen Buchstaben, der Shawarma und Falafel verkauft, lief ich völlig ungerührt vorbei, bis mir auffiel, dass es das hier nicht an jeder Ecke gibt, und die Nichtanwesenheit von Soldaten in den Straßen sowie von Kontrollen an belebten Punkten wirkt fast schon befreiend. Voller neuer Eindrücke lebe ich nun wieder im Rheinland, fühle mich teilweise, als sei ich nur kurz weg gewesen, andererseits aber, als sei ich ein ganz neu geprägter Mensch, der in eine Welt zurückkommt, die davon nichts weiß.

Das Abenteuer in live ist nun gerade erst zu Ende; bis sich alles gesetzt hat, was ich erlebt habe, wird es aber noch lange dauern. Auch davon werde ich noch berichten.

von yerushalayimshelzahav
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