Eine Zusammenfassung, die ich für uninformierte Leserschaft schrieb, möchte ich Euch nicht vorenthalten:
Vom 15. August bis zum 15. April verbrachte ich acht Monate in Jerusalem an der Dormitio Abtei auf dem Berg Zion im Programm „Theologisches Studienjahr“ (www.studienjahr.de), welches vom DAAD
gefördert wird. In einem zweistufigen Bewerbungsverfahren, in dem neben guten Kenntnissen in den biblischen Wissenschaften auch Kenntnisse in Judentum, Islam und Ostkirchenkunde abgeprüft werden,
werden jedes Jahr 20 Theologiestudenten aus dem deutschsprachigen Raum ausgewählt. Leben und Studium spielen sich im Gästehaus der Abtei ab, der Kontakt zur Abtei besteht über die Möglichkeit, am
Chorgebet und den heiligen Messen teilzunehmen und gemeinsame Abende. Die Abtei wurde um 1900 von deutschen Benediktinern gegründet (www.dormitio.net).
Studienprogramm und Studium
In den acht Monaten arbeitet man den Stoff von zwei Semestern durch und geht auf drei Exkursionen (10 Tage im Sinai, zwei Wochen archäologische Stätten (4000v.-700 n.Chr.) in Galiläa, eine Woche
Kreuzfahrerexkursion ebenfalls vorwiegend in Galiläa, dort wohnt man im Priorat der Abtei in Tabgha direkt am See Genezareth).
Der Schwerpunkt liegt auf biblischen und archäologischen Fächern, sodass man nicht alle Vorlesungen, die man an der Heimatuniversität hören würde, hier finden kann. Die Veranstaltungen finden in
Blöcken statt, die Professoren, in aller Regel deutschsprachige und dem progressiven Lager zuzurechnen, kommen für zwei bis drei Wochen aus Deutschland ins Beit Josef und leben dort auch mit,
sodass ein enger Kontakt entsteht. Viele der Professoren waren auch im Studienjahr während ihres Studiums. Es herrscht bei jeder einzelnen Stunde Anwesenheitspflicht.
Im Laufe des Jahres muss man in den Bereichen Altes Testament, Neues Testament, Judentum/Islam, Liturgie/Systematik/Ostkirchenkunde und Archäologie mindestens eine Prüfung absolvieren. Die
Professoren sind sich dessen bewusst, dass es schwer möglich ist, den ganzen Vorlesungsstoff direkt nach Ende der Vorlesung gelernt zu haben und passen ihre Anforderungen dementsprechend an.
Jeder Student übernimmt im Laufe des Studienjahres zwei Referate zu biblischen oder kulturellen Themen.
Auf den wöchentlichen Tagesexkursionen zu archäologischen Orten (z.B. Jericho – hier führte ich selber durch die alttestamentliche Stadt, Davidsstadt), öffentlichen Einrichtungen (Yad VaShem,
Hebrew University), Orten der Kriege des Nahostkonflikts u.Ä. bekamen wir ausführliche Führungen von sehr kompetenten und involvierten Führern (z.B. von einem Ausgräber der Davidsstadt oder von
einer deutschen Mitarbeiterin von Yad VaShem, die auch das Theologische Studienjahr absolvierte) und lernten so alles genauestens kennen. Die intensive Beschäftigung mit Archäologie und ihren
Methoden war interessant und nützlich, gerade auch in ihren Konsequenzen für die biblischen Wissenschaften, in denen ich eine gründliche Fundierung und Weiterbildung erfuhr.
Neben interreligiösen Veranstaltungen beschäftigten wir uns auch mit den christlichen Ostkirchen und bekamen durch zwei Mönche, die im ökumenischen Dialog engagiert sind, die Möglichkeit, drei
östliche Patriarchen in Jerusalem zu besuchen.
Unser Jahresthema war „Eschatologie“. Dieses beleuchteten wir in den Vorlesungen aus vielen Blickwinkeln: Liturgisch, biblisch, kirchengeschichtlich, muslimisch.
In das Gemeinschaftsleben brachte ich mich neben den festen Aufgaben durch die Mitarbeit im Redaktionsteam des Abschlussberichtes ein. Wir wurden kreativ und gestalteten die Schrift anhand der
Bitten des Vater Unsers, unter die wir die verschiedenen Aspekte des Jahres gruppierten.
Das Leben in der Gemeinschaft von 24 Menschen (21 Studierende, Studiendekanin, zwei Studienassistenten) bot natürlich Stoff für Spannungen, die es zu überwinden galt.
Als Bibliotheken standen uns die kleine, aber feine deuschsprachige Bibliothek des Klosters sowie die weltberühmte École biblique et archéologique francaise der Dominikaner zur Verfügung.
Geistliches
Durch das Mitleben an der Abtei und viele andere Klosterbesuche bekam ich Einblicke in das monastische Leben. Hervorzuheben sind drei Ewige Professen sowie die Benediktion des neu gewählten
Abtes, bei welchen ich ministrieren durfte.
Ich konnte zu verschiedenen Gottesdiensten verschiedener christlicher Konfessionen (wir fuhren z.B. auf ein monastisches Wochenende, auf dem wir drei Klöster besuchten), in denen ich erlebte, wie
andere Kulturen und verschiedene Orden Liturgie feiern. Hier wurde Weltkirche spürbar und ich merkte, welche Ungereimtheiten und Probleme besonders bzgl. der Liturgie typisch deutsche Phänomene
sind. Jeder konnte Vieles ausprobieren, Neues kennenlernen und sich auch neue liturgische und geistliche Heimaten suchen.
Mir wurde der Wert des Stundengebets als kraftgebendes Gebet für den Tag nochmal bewusster als vorher, außerdem habe ich die Stille der Klöster sehr schätzen gelernt. Hierzu trugen auch
Wüstenerfahrungen bei, die wir machten.
Besondere Erlebnisse im Gang des Kirchenjahres waren natürlich die Hochfeste der Geburt und der Auferstehung des Herrn, also Weihnachten und Ostern. In den Nächten vom 24. Auf den 25. Dezember
sowie vom 6. auf den 7. Januar fuhren bzw. gingen wir nach Bethlehem, um das Weihnachtsfest der lateinischen Kirche bzw. der Ostkirchen mitzuerleben. Auch die Gebetswoche für die Einheit der
Christen, die 9 Tage lang jeweils in einer anderen Kirche mit Hierarchen aller Kirchen begangen wurde, war ein Erlebnis, das man außerhalb Jerusalems nicht so schnell wiederfindet.
Das Studienjahr ist ökumenisch, d.h. auch protestantische Studenten können sich bewerben und werden gleichberechtigt ausgewählt. Das ökumenische Zusammenleben, aber auch das innerkonfessionelle,
ist wegen der verschiedenen Lebenswege, Hintergründe und Denkrichtungen eine Herausforderung, man bewegt sich auf dem schmalen Grat zwischen dem Festhalten an eigenen, liebgewonnenen Traditionen
und der Öffnung für den Anderen. Leitfaden stellte im Studienjahr die Konsens-Ökumene dar, d.h. man sucht Gemeinsames und Kompromisse. Dies ist allerdings manchmal unmöglich und unglücklich und
bot Reibungspunkte. Durch das Zusammenleben erfuhr ich aber auch viel über verschiedene protestantische Denominationen, kannte ihre Struktur, ihre Liturgie, ihren Glauben, ihre Mentalität kennen,
was für die Zukunft nur hilfreich sein kann.
Natürlich kamen viele Anfragen an den katholischen Glauben und die katholische Lehre. So reflektierte und klärte man auch seinen eigenen Standpunkt nochmal. Und mir wurde bewusst, wie unbequem es
ist, authentische Kirche zu sein und Christusnachfolge zu betreiben – Religion und Kirche sind kein Selbstzweck, dies bleibt aus sich immer eine große Herausforderung und kann nie als erfüllt
betrachtet werden.
Wir Studenten gestalteten für uns selbst Andachten, jeder nach seiner Spiritualität, und gestalteten auch Gottesdienste und sonstige Feierlichkeiten im Kloster mit.
Durch die Beschäftigung mit heiligen Orten weiß ich nun dass viele Orte, die hier verehrt werden, nicht die tatsächlichen Orte von biblischem Geschehen sind, sondern eher als Orte, an denen
bestimmte Geschehnisse auf besondere Weise kommemoriert werden, anzusehen sind.
Interreligiöses und Interkulturelles
Auch interreligiöse und interkulturelle Erfahrungen kamen nicht zu kurz, einerseits weil einige Vorlesungen auch Judentum und Islam behandelten – darunter eine Werkwoche mit einem Professor für
Islamwissenschaften und islamischen Doktoranden aus Deutschland -, andererseits durch Vorträge von Einheimischen, die wir auch selbst einladen durften, und nicht zuletzt auch durch das Leben in
der so bunten und differenzierten Stadt Jerusalem.
In den Suqs, engen Einkaufsstraßen in der Altstadt, lernte ich besonders die arabische Mentalität kennen, bemerkte, dass hier nicht alles so geregelt abläuft wie in Deutschland (kein Preis, um
den man nicht feilschen muss) und gewöhnte mich an Busfahrten, bei denen man nicht wusste, wie der Fahrer fährt und wie man hinterher weiterkommt. Die Araber sind aber ein hilfsbereites und
spontanes Volk, die jede Situation durch irgendwelche dubiosen Kontakte lösen. Moscheen darf man hier leider nicht besuchen.
In den Begegnungen mit Juden wurde mir klar, wie kompliziert dieses Land und dieses Volk ist – Studientage zu den verschiedenen Strömungen im Judentum (quasi an jedem Kleidungsstück und jeder
Handlung lässt sich die Zugehörigkeit ablesen), die verschiedenen Absichten der unterschiedlichen Einwanderer, das Sicherheitsproblem, die Integration von Nichtjuden in den Staat. Auch zu einem
Ultraorthodoxen bekam ich Kontakt, der aber im Herzen modern ist. Ich lernte, besonders in Vorträgen von Rabbinern, die jüdische Weisheit und Erzählkunst schätzen. Neben unserem Studienhaus ist
eine Jeshiva, also eine jüdische, ultraorthodoxe Religionsschule angesiedelt, die uns zu einigen Festen einlud. So kamen wir in direkten Kontakt mit Juden und erlebten ihre Gottesdienste. Der
Besuch eines Kibbuz in der Negev-Wüste, in dem wir eine Nacht blieben, ließ uns die Bewohner des Landes aus einer speziellen, aber wichtigen Perspektive kennenlernen.
Den Nahostkonflikt behandelten wir auch auf Exkursionen und Vorträgen und wurden täglich durch die Sperrmauer zum Westjordanland, die wir von unserem Haus aus sahen, daran erinnert. Auch sahen
wir zahlreiche Minenfelder in Grenzgegenden, wie man sie aus Europa nicht mehr kennt. Ich erfuhr als Deutscher keine spezielle Ablehnung, als westlicher Mensch ist man aber in manchen arabischen
Gegenden nicht willkommen, merkte ich, auch wenn manche gerade die Deutschen mögen wegen ihres angeblichen Judenhasses.
In diesem Land, in dem Christen weniger als 5% der Bevölkerung ausmachen, fühlt man sich jedem Christen direkt verbunden, während in Mitteleuropa nicht einmal der Zusammenhalt innerhalb der
Konfessionen stark ist.
Nahe an der Altstadt von Jerusalem zu wohnen, ist ein großes Privileg, und es dauert lange, bis man sich an diese turbulente Stadt gewöhnt hat. Auch, wenn man sich irgendwann heimisch fühlt,
erlebt man immer wieder kuriose Dinge und entdeckt neue Ecken und kann zu verschiedenen Zeiten verschiedene Eindrücke sammeln. Jerusalem ist eine spannungsreiche Stadt. Nicht nur die große
Präsenz von Sicherheitskräften, sondern auch das Nebeneinander verschiedener religiöser, kultureller und politischer Fraktionen machte den Aufenthalt zu einer sehr intensiven Zeit.
Der Leiter des Israel-Auslandsbüros der KAS, Michael Mertes, initiierte eine Runde von Altstipendiaten, die in Israel wohnen. So bekam ich auch dort Anschluss und lernte interessante Personen aus
Kirche und Politik kennen, die von ihren teils langjährigen Erfahrungen im Heiligen Land berichten konnten.
Außerdem leistete ich ein Sozialpraktikum in Emmaus-Qubeibe in der Westbank ab. Salvatorianerinnen aus dem deutschen Sprachraum betreuen dort ca. 20 alte und/oder behinderte Frauen, die von ihren
Familien verstoßen wurden und teilweise in Höhlen wohnen mussten. In einer Schule werden hier junge Araberinnen in der Altenpflege praktisch ausgebildet. Ich half bei der Betreuung und widmete
mich vor allem der geselligen Unterhaltung mit den Patientinnen, da diese sonst oft zu kurz kommt. Hier merkte ich, wie wichtig der persönliche Einsatz ist und habe auch mehr verstanden, was
Mission heute heißt: Das Reich Gottes aufbauen und ausbreiten, und dies geschieht durch persönliches Engagement besonders in der Nächstenliebe, auch in der institutionalisierten.
In den Weihnachtsferien fuhr ich für einige Tage nach Akko. Die kleine Kreuzfahrerstadt ist ruhig und schön auf einer Landzunge gelegen. Der Tagesausflug in die größere Stadt Haifa, in der ich
unter anderem die Bahai-Gärten besichtigte, war auch sehr lohnenswert.
Am schönsten waren die kleinen, spontanen und überraschenden Erfahrungen und Begegnungen zwischendurch: Sei es ein Rabbiner, der einem eine Friedenskerze schenkt, seien es Schwestern, die nach
der Messe uns jungen Messbesuchern Marienmedaillen geben.
Ich bekam in den acht Monaten, die ich in Israel verbrachte, sehr interessante und wertvolle Einblicke in verschiedenste Bereiche des theologischen, geistlichen, sozialen und politischen Lebens.
Die Institution des Studienjahres öffnet einem so manche Tür, die sonst verschlossen bliebe. Dies, und auch die Abwesenheit vom vertrauten Zuhause, trug zu meiner persönlichen, geistlichten und
theologischen Weiterbildung und –entwicklung bei und so habe ich einen reichen Schatz an Wissen und Erfahrungen angesammelt, aus dem ich auch zum Wohle anderer gerne schöpfen werde.